Rheingau Swing Club - Werk 2 und sein Gespür für Restzucker Getanze


von Marc Dröfke 
Ich frage einfach mal ganz provozierend, was sind Sie bereit für eine Flasche Wein auszugeben? 5 Euro? 50 Euro? Gar 100 Euro? Oder noch mehr? Keine Sorge, auch ich bin nicht der Scheich von Abu Dhabi oder Londons erfolgreichster Investment-Banker und kann mir demnach nicht jeden Wein kaufen, den ich gerne mal im Glas hätte. 

Alles ist relativ. Wir sprechen hier immerhin nicht von einem Privat-Jet oder einer Yacht. Trotzdem mag es für viele befremdlich und übertrieben wirken, für ein alkoholisches Getränk, welches innerhalb eines Abends über den Gaumen verschwindet, mehr als 100 Euro auszugeben. Die Frage „Was ist eine Flasche Wein überhaupt wert?“ drängt sich hier auf. 

Zunächst einmal muss der Aufwand des Winzers bedacht werden. Wer extrem steile und unzugängliche, sehr alte Weinberge bewirtschaftet und von Hand erntet, besitzt naturgemäß einen sehr viel höheren Aufwand und damit auch verbundene Kosten. Das schlägt sich auf den Flaschenpreis nieder. Dann sind teure Weine oft seltener und werden nicht in riesigen Mengen produziert. Wenn die Nachfrage entsprechend hoch ist, steigt automatisch auch der Preis. Eines der besten Beispiele ist in diesem Fall sicher das Burgund. Extrem kleine Produktion, mit dem 2012 Jahrgang wird dies richtig extrem zu sehen sein, und ein Interesse jenseits von Gut und Böse. Preisexplosion vorprogrammiert. 

Man sollte auch immer sehen, wer hinter diesen Weinen steht. Meist sind es Familienunternehmen, die seit mehreren Generationen bestehen, ohne großen Investor im Rücken. Manchmal schmeckt man den Drang zum Perfektionismus, wenn man eine solche Flasche öffnet. Ist man da nicht bereit für diese Passion und Ehrgeiz auch mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen? Auf der anderen Seite stehen große Industrieunternehmen, die künstlich gemachte Plörre abfüllen und diese, möglichst billig, in den Supermärkten der Republik anbieten. Gesoffen wird das leider noch viel zu häufig. Der Deutsche gibt im Durchschnitt nicht mehr wie 3 Euro für eine Flasche Wein aus. 

Schade, wenn man bedenkt, dass es tolle Weine für etwas mehr Geld gibt, die nichts mit diesen zum Teil schwer trinkbaren Rebsäften zu tun haben. Für schlappe 4,50 Euro mehr bekommt man hingegen einen einwandfrei hergestellten Stoff, wie zum Beispiel den Riesling Swing von Werk2 aus dem Rheingau. Was sich zunächst anhört wie ein Track von Kraftwerk oder ein Internet-Startup aus Berlin, ist das Werk eines Winzers im Nebenerwerb. Hans-Joachim Klose ist von Beruf IT-Systemarchitekt (also doch irgendwas mit Computer). Er folgte seiner Passion und gründete 1995 sein eigenes Weingut. Der Vorteil Kloses: Er muss nicht vom Wein leben. Das macht vieles leichter. 

Klose keltert seine Weine in einer ehemaligen Fabrikhalle in Geisenheim. Etwas ungewöhnlich, aber gut. Bewirtschaftet werden die Lagen Schützenhaus und Hassel in Hattenheim, aus denen er die Trauben für seine Weine erhält. Der 2012er Swing ist ein „Cuvee“ aus diesen beiden Lagen. Jeweils 50% aus dem Schützenhaus, sowie 50% aus dem Hassel. Die Trauben des Schützenhauses wurden nach 20 stündiger Maischestandzeit trocken 0,1g/l ausgebaut. Der anderen Hälfte aus dem Hassel wurden ihre 55 g/l Zucker gelassen. Am Ende weißt der Wein einen finalen Restzuckerwert von 28,3 g/l auf. Pervers! Was kommt dabei raus? 

Im Glas ist der Wein sehr hell und wirkt sehr jugendlich. In der Nase zunächst fruchtig. Pfirsich, Granny-Smith, Birne und etwas Marille. Sauber und reintönig. 

Am Gaumen fruchtig, knackig und sehr frisch. Ein Maul voll Wein in dem die Süße auf keinen Fall zu deutlich hervor sticht. Die Säure ist nicht übermäßig präsent, was mich als Säurefreak etwas fragend zurück lässt. Aber je länger man den Wein am Gaumen behält, desto mehr kommt das kleine Stück Mineralität zum Vorschein, welches anfangs von der Frucht überdeckt wurde. 

Im Finish verschmelzen Süße und Herbe zu einer schön balancierten Kombination. Am zweiten Tag zeigt sich der Wein im Mund runder und auch die mineralische Komponente kommt besser durch. Ein interessanter Alltagswein, den ich mir vor allem im Sommer auf der Terrasse zum einfach so wegsaufen gut vorstellen kann. 

Ich hoffe zutiefst, dass meine Bemühungen auch bei denen Anklang finden, die sich schwer tun eine Flasche Wein für knapp 8 Euro zu bezahlen. Und an die anderen Weinliebhaber. Mich würden Ihre Antworten auf die Eingangsfrage per Kommentar interessieren. Danke im Voraus!

Den Wein gibt es für ca. 8€ hier zu beziehen. Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc. keinerlei Geld erhalten. 

 

Kommentare

  1. Ich sehe dies ganz genau so.
    Anmerken möchte ich, dass man lieber 1-2 Flaschen z.B. an einer Geburtstagsfeier weniger trinken, dafür aber besser trinken sollte.
    Es ist doch wie mit dem Essen. 3 Steaks vom Grill und anderthalb Flaschen Wein sind geil.
    1 Stück richtig gutes Fleisch mit schöner Beilage und 2 Gläser toller Wein aber der Hammer!
    In aller Ruhe essen, trinken und genießen.
    Eine Grenze für Wein habe aber auch ich mir gesetzt. Wie bei allen Dingen im Leben. Dies muss man auch, wenn man sein Leben als "Familienunternehmen" ordentlich führt.
    Meine Grenze liegt in der Regel bei 14 EUR. In seltenen Ausnahmefällen für besondere Anlässe sind auch mal gut 20 EUR drin.
    Mein Vorteil ist aber auch aus dem Rheingau zu kommen, viele Weine probieren zu dürfen und genau zu wissen wo man für 5-10 EUR guten Stoff bekommt.

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  2. Genau das ist der Punkt, Tobias. Es gibt tatsächlich schon sensationelle Qualitäten um die 5 €, die es nicht notwendig machen zum Diskounter zu rennen.

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