Freitag, 6. März 2015

Madame Occhipinti und Ihr Gespür für Biodynamik - 2012 Arianna Occhipinti – SP68 Bianco

von Marc Dröfke
Nachdem ich das letzte Mal von Frank Cornelissen berichtet habe, möchte ich noch etwas auf Sizilien verweilen, um mich einer Produzentin zuzuwenden, von der ich bereits einmal kurz berichtet habe und mittlerweile ein richtiger Fan geworden bin. Dazu geht es nach Vittoria, in den Süd-Westen der Insel, etwa zweieinhalb Autostunden von Palermo entfernt. Seit gut 11 Jahren bewirtschaftete Arianna Occhipinti hier ihre Rebstöcke. 

Mit dem 2014 Jahrgang feierte sie ihr 10 Jähriges Jubiläum. Ihr Antrieb: Weine aus den autochthonen Rebsorten der Insel zu keltern, um dem sizilianischen Wein ein Profil zurück zu geben, das er ihrer Meinung nach zu verlieren drohte. Dabei greift sie nur sehr behutsam in die Natur ein und kreiert so einen biodynamischen Zugang. Aber schön der Reihe nach. Mit nur 16 Jahren begleitet die junge Arianna ihren nicht gerade unbekannten Onkel Giusto Occhipinti, Eigentümer der Azienda Agricola COS, auf die Vinitaly. Ihrer eigenen Erzählung nach, um vor allem 4 Tage Schule zu schwänzen. 

In den Tagen der Messe entdeckt sie eine völlig neue Welt für sich. Nicht nur der Wein selbst war dafür ausschlaggebend, sondern eher der Umgang der Leute im Weingeschäft untereinander und ihre gemeinsame Faszination für das Produkt. Wieder daheim in Sizilien, reifte in ihr nach und nach der Gedanke, dass Wein für sie eventuell mehr bedeuten könnte als nur ein Getränk. Sie entschied sich, nach Mailand zu gehen und dort Önologie zu studieren. In vielerlei Hinsicht ist ihr das Studium dabei zu technisch. Chemie im Labor entspricht nicht ihrer Vorstellung der Arbeit eines Winzers. Doch sie kämpft sich durch und kehrt mit dem Diplom in der Tasche zurück auf die Insel. Kurz zuvor kauft sie dort einen Hektar Land und bepflanzt es mit den heimischen Rebsorten Frappato und Nero d´Avola, um erste eigenen Schritte zu gehen. 

Im September 2004 erntet sie die Trauben für ihren ersten Jahrgang. Sehr bald wird der mittlerweile verstorbene Joe Dressner, ein amerikanischer Importeur, auf sie aufmerksam. Louis/Dressner Selections besitzt in den USA einen sehr guten Ruf und hat in Bezug auf biodynamisch hergestellten Wein eine Vorreiterrolle. Occhipintis Weg ist geebnet. Allerdings übertrifft der anschließende Hype eindeutig ihre eigenen sowie Dressners Erwartungen. 

Der Trubel um ihre Person wird manchmal zu viel. Auch mit Erfolg, so schön er auch sein mag, muss man lernen umzugehen. Dieser begründet sich auf mehreren Faktoren. Erstens: Sie ist eine Frau. Das mag sich im ersten Moment etwas machohaft anhören, aber im italienischen Süden laufen die Uhren zu einem gewissen Grad noch anders. Emanzipation wird dort bei weitem nicht so groß geschrieben wie in Deutschland. Umso größer war das Risiko zu scheitern. Zweitens: Ihr gutes Aussehen. Wieder klischeehaft, aber Arianna Occhipinti ist das archetypische Abbild einer Sizilianerin. Fast schwarze Haare, dunkelbraune, mandelförmige Augen, leicht heisere Stimme und ein markantes Lachen. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass dies ein nicht zu unterschätzender Grund ist. Und zu guter Letzt: Ihr eigener Stil. Eine Rückbesinnung zu den Ursprüngen der sizilianischen Winzerkunst. Pur, ehrlich, frisch, klar definiert. Dabei aber nie die nötige Tiefe vermissen lassen. Weg von den dicken, meist aus internationalen Rebsorten gekelterten Brummern, die lange das Bild vom sizilianischen Wein geprägt haben. 

Ein Paradebeispiel aus ihrem Sortiment: Der Frappato. Im weitesten Sinne die italienische Antwort auf einen richtig guten Cru aus dem Beaujolais. Heute soll es aber speziell um ihren einzigen Weißwein gehen. Der SP68 Bianco ist das Gegenstück zum roten SP68, den ich hier bereits vorgestellt hatte. Der Name SP68 bezieht sich auf die Strada provinciale 68, die unmittelbar neben den Weingärten von Occhipinti nach Vittoria verläuft. 

Dieser Weißwein wird zu gleichen Teilen aus Albanello sowie Moscato di Alessandria (auch bekannt als Zibibbo) gewonnen. Im Glas dreht ein Wein in intensivem Blassgold seine Kreise. Die Nase ist sehr duftig, hier spielt der Zibibbo seine Stärke aus. Es dominieren reifer, weißen Pfirsich, Zeste von Zitronen sowie Orangen, Litschi, Akazienhonig und ein Strauß von weißen Blüten. Am Gaumen ist der Stoff weniger aromatisch, sondern kommt eher über die kräutrige, mineralische Schiene. Er wirkt frisch, nicht zu schwer (12,5 Alk.) und weist eine gute Struktur auf. Im langen Finish findet sich ein schöner, bitterer Unterton am Ende. Was mir fehlt, wie in nahezu allen italienischen Weißweinen, die ich bisher probiert habe, ist die Säure. Das sollte diesem Wein allerdings nicht wirklich negativ angekreidet werden, denn hohe Säurewerte sind in diesen südlichen Gefilden sicherlich besonders schwer zu erreichen.

Hier für ca. 17€ hier zu beziehen.
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten

Dienstag, 17. Februar 2015

Natural Wine, der Etna und ein Belgier, Consigliere Dröfke Zusammenfassung des Unmöglichen

von Marc Dröfke
Natural Wine. Frei übersetzt heißt das „Natürlicher oder Naturwein“. Was ist aber natürlicher Wein? Was darf rein? Was nicht? Ein Dilemma. Niemand weiß genau, was unter diesem Begriff gemeint ist, denn er wurde bisher nirgendwo richtig definiert. Jeder Einzelne hat meist eine ganz eigene Auffassung, was sie/er darunter versteht.

In einem Punkt scheinen sich jedoch alle einige zu sein: wer einen Natural Wine, Vin Naturel oder eben Naturwein herstellt, verzichtet möglichst auf allzu große Eingriffe. Nutzung von chemischen Herbiziden im Weinberg ist ebenso tabu, wie die Verwendung von irgendwelchen Schönungsmitteln im Keller. Spätestens aber wenn es um den Einsatz von Schwefel geht, scheiden sich die Geister.

Vorweg: Es gibt keinen Wein gänzlich ohne Schwefel, denn unter normalen physiologischen Bedingungen bildet sich bei der Gärung immer eine vernachlässigbare Menge davon. Fakt ist ebenfalls, dass dieses Chalkogen einen Wein stabilisiert und haltbar macht. Gewächse, die nicht geschwefelt werden, haben ab und an das Problem, dass sie sich zu ihrem Nachteil in der Flasche weiterentwickeln. Sie können dann ungenießbar sein, riechen und schmecken mehr nach Jauchegrube als nach Wein.

Nichtsdestotrotz gibt es eine Hand voll Winzer, die dieses Risiko eingehen. Frank Cornellisen ist einer von ihnen. Seine Weine hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Schirm. Ich muss aber gestehen, dass mich einige negative Berichte in Kombination mit dem relativ hohen Preis bisher davon abgehalten haben, den Stoff etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Umso erfreuter war ich, als ein Freund eine Flasche des Contadino 8 aus dem Jahrgang 2010 bei unserer letzten Weinrunde auf den Tisch stellte. Es war mit Abstand der am meist diskutierte Wein des Abends. Denn er hatte einerseits einige sehr interessante, fordernde Komponenten, anderseits auch einen Fehler, der sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt. Dazu später mehr.

Cornelissen war schon immer ein Grenzgänger. Einer der sich am äußersten Rand der Nische bewegt und bis heute zu polarisieren weiß. Seine Methoden sind ebenso kompromisslos, wie die harte Kritik, die er ab und zu einstecken muss. Der aus Belgien stammende Cornelissen kommt ursprünglich nicht aus einer Winzerfamilie. Allerdings kam der junge Frank bereits im zarten Alter von 8-10 Jahren in Berührung mit Wein. Sein Vater war ein Sammler alter Gebinde, die er mit seinem Sohn teilte. Witzigerweise waren dessen ersten Schritte in der Wein-Welt mehr geprägt von den alten Klassikern wie Bordeaux, Burgund und Barolo anstatt von Nischenprodukten, wie er selbst heute eines herstellt.

Zunächst wollte er sein Leben nicht komplett dem Wein verschreiben, aber dennoch damit zu tun haben. Sein Job als Berater in der Branche war da genau das Richtige. Hierbei hatte er nebenbei die Möglichkeit, sich einen großen Erfahrungsschatz „antrinken“ zu können. Nach und nach reifte in ihm allerdings der Wunsch, es auf der produktiven Seite zu versuchen. Seine endgültige Entscheidung einen eigenen Wein zu machen, beschreibt Cornelissen als eine Kombination aus der Liebe zur Natur, seinem gastronomischen Background und seiner Liebe zum Wein. Nur wo war die Frage. Nach einiger Nachforschungsarbeit, welches Territorium am besten zu seiner Vorstellung von Wein passt, landete er schlussendlich in Sizilien, genauer an der nördlichen Seite des Ätnas. Angefangen hat er im Jahre 2001 mit lediglich einem halben Hektar, mittlerweile sind es ca. 18 an Weingärten.

Sein Ziel, das ihm vor Augen schwebte: Einen ultimativen Terroir-Wein nur aus den Trauben seiner Weinberge zu erzeugen und dabei nichts hinzuzufügen. Weine ohne „Korrekturen“ sind seiner Meinung nach ehrlicher und können den Weinberg sowie den Jahrgang besser wiedergeben. Cornelissen sagt selbst über seine Weine, dass sie eine gewisse Evolution durchgemacht haben. Die ersten Jahre wäre er ein sehr provokatives Programm gefahren, bei dem er eher darauf geachtete habe, was er nicht in seinen Gewächsen haben wollte anstatt was er eigentlich mochte. Die Weine waren deshalb sehr oxidativ, kaum mit Frucht versehen und entsprechend nicht besonders zugänglich bzw. genussvoll für den Konsumenten.

Jedoch wären sie in einer gewissen Weise nötig gewesen um den Weg zu seinen heutig produzierten Weine zu finden. Diese seien präziser, klarer im Ausdruck und würden mehr Trinkfreude bereiten. Ob diese These richtig ist, hinterfragt regelmäßig ein nicht gerade kleiner Teil der Weintrinker, die sich den Gebinden widmen. Bei keinem Stoff über den ich bisher recherchiert habe, gingen die Meinungen so weit auseinander. „Schrecklich, anstrengend, eher für den Ausguss als für den Gaumen“ sind nur ein paar der negativen Aussagen, die ich gelesen habe. Allerdings gibt es auch positive Äußerungen, die von Weinen sprechen, die sehr genau ihre Herkunft widerspiegeln und mehr durch Finesse bestechen. Sie mögen zwar diskutierbar sein, aber am Ende besitzen sie durchaus ihre Berechtigung.

Was ich persönlich für problematisch halte, sind die auftretenden Veränderungen bei falscher Lagerhaltung. Laut Etikett sollte man den Wein nicht über 16 Grad lagern, denn er kann sich dann zu seinem Nachteil verändern. Nur wer kann eine durchgängige Kühlkette vom Weingut bis zum Konsumenten garantieren? Den Ärger hat dann der Endverbraucher, wenn er daheim eine Flasche aufzieht und merkt, dass der Wein hinüber ist. Und wir sprechen hier von Weinen in einer Preiskategorie von 17 Euro für den Einstiegswein bis zu satten 110 Euro für den Top-Wein Magma.

Cornelissens Erfolg scheint das nicht zu beeinträchtigen. Er ist regelmäßig ausverkauft, seine Gewächse sind sehr nachgefragt in der Pariser sowie New Yorker Weinszene (interessant: Cornelissens größtes Abnehmerland ist Frankreich) und auch in Japan. Ob dies in Verbindung mit seiner japanischen Frau oder seiner Bewirtschaftungsweise nach Fukuoka steht, wird ihm herzlich egal sein.

2010 Frank Cornelissen – Contadino Etna Rosso
Im Glas ein Stoff, der dem Begriff „Naturwein“ alle Ehre macht. Wolkig, undurchsichtiges, helles Rot. Ändert mit der Zeit seine Farbe und wirkt dunkler. Verrücktes, unnormales, polarisierendes Nasenbild. Ein Mix aus Erdbeere, sauren Drops, kalter Rauch, Essig, brauner Bananenschale, Minze, Espresso und einer etwas erdigen, pilzigen Komponente. Erst im Hintergrund, dann aber immer stärker werdend: Eine Note nach Nagellackentferner (Aceton).

Meine bisherige Erfahrung war, dass sich diese Note in Verbindung mit Luft relativ schnell verflüchtigt. In diesem Fall wurde sie leider immer penetranter. Eindeutig ein Fehler. Selbst nach zwei Stunden in der Karaffe keine Besserung in Sicht. Schade. Am Gaumen wirkt der Wein sehr leicht, Tannine sind aber spürbar. Wieder Erdbeere, Balsamico und etwas Kaffee. Die Säure befindet sich im oberen Level, trotz dieser Leichtigkeit erstaunliche Länge.

Weine gibt es hier
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.


Donnerstag, 5. Februar 2015

Consigliere Dröfke und sein flüssiges JURA Studium mit den Weinen von Jean-Francois Ganevat, eine Kollektionsprüfung!


von Marc Kevin Dröfke
„Es ist völlig in den Hintergrund geraten, Weine für das zu bewerten was sie sind - vielmehr kommt es darauf an, was sie sein könnten.“

Letzte Woche schrieb mir diesen Satz mein Freund Tom per E-Mail. Ich hab etwas länger darüber nachgedacht und dieser Satz ist seitdem immer wieder vor meinem inneren Auge aufgetaucht, wenn ich Meinungen über bestimmte Weine gelesen habe. Paradebeispiel: Deutscher Spätburgunder wird stets mit dem Pendant aus Burgund verglichen. Wieso? In Deutschland werden wir keine genaue Kopie des französischen Kultweines hinbekommen, schon allein deshalb, weil unsere Spätburgunder Rebstöcke geografisch anderswo angesiedelt sind. Die Bodenbeschaffenheit ist eine andere, ebenso wie die klimatischen Bedingungen.

Statt ständig zu vergleichen, sollten die Beteiligten ihre Energie lieber dazu einsetzen, das Profil des deutschen Spätburgunders zu stärken und zu schärfen. Hier hat sich in den letzten Jahren schon extrem viel getan. Und nachdem ich zum Teil grandiose Weine von solch talentierten, jungen Winzern wie den Gebrüdern Rings, Stefan Steinmetz oder Moritz Haidle probiert habe (um nur drei zu nennen), bin ich mir ziemlich sicher, dass diese positive Entwicklung, noch lange anhalten kann, respektive wird.

Jeder Winzer sollte einen eigenen Stil verkörpern und repräsentieren, welcher bestenfalls seine individuelle und wiedererkennbare Interpretation des Stückchen Weinbergs ist, das er sein eigenen nennt. Hier liegt die Verantwortung ebenfalls bei den Journalisten sowie den Bloggern, diese Interpretationen eigenständig zu beschreiben und nicht ständig den Vergleich zu suchen.

Deshalb möchte ich die Weine von Jean-Francois Ganevat heute ganz so beschreiben wie sie sind. Weine aus einer Region, die sich speziell in den letzten Jahren im Zuge des „Natural-Wine-Movements“, einen Namen gemacht hat. Die Rede ist vom Jura. Der Trend geht dort in Richtung oxidativ ausgebauter Weine, die sehr stark polarisieren können und von Liebhabern traditioneller Gewächse oft als unbrauchbar abgestempelt werden. Stoff für Freaks sozusagen.

Ganevat geht allerdings einen anderen Weg. Er setzt zwar, wie eine Vielzahl von anderen Winzern aus dem Jura, auf lange Standzeiten auf der Feinhefe, biodynamische Arbeit im Weinberg und möglichst kein Schwefeleinsatz. Aber statt seinen Weinen eine oxidative Note zu geben, baut er sie reduktiv aus. Bewirtschaftet werden mittlerweile insgesamt ca. 8,5 Hektar Fläche, auf der Ganevat 17 verschiedene Rebsorten anbaut. Aus ihnen kreiert er jahrgangsabhängig bis zu 40 verschiedene Weine. Eine schier unfassbar große Diversität im Verhältnis zur relativ kleinen Anbaufläche. Natürlich kommen nicht alle dieser Weine in den Verkauf und einige der Weine sind mehr als Versuch gemeint. Nichtsdestotrotz ist diese Zahl imposant.


In einer Probe, die ich kurz vor Weihnachten besucht habe, haben wir uns auf 8 Weine aus dem Sortiment beschränkt. Wobei trotzdem ein guter Überblick gewonnen werden konnte, in welche Richtung die Reise denn hier gehen soll. Jean-Francois kommt aus einer Familie, die sich bereits seit ca. 1650 mit Wein beschäftigt. Bis 1976 wurde zusätzlich noch Käse erzeugt, um sich über Wasser halten zu können. Ab diesem Zeitpunkt allerdings konzentrierte sich der Vater von Jean-Francois ganz auf den Weinbau. 

Der Sohn half dem Vater in den Jahren 1982-1989 und ging dann nach Beaune um die Schulbank zu drücken, hatte er bis dato nicht sonderlich viel qualitatives Wissen in Bezug auf Wein. Nach seinem Abschluss zog es ihn ins Burgund, wo er bei der Domaine Jean-Marc Morey, die in Chassagne-Montrachet ansässig ist, anheuerte. Er stieg dort relativ zügig zum Betriebsleiter auf, ein Traumjob für einen so jungen Weinmacher wie ihn, konnte er doch sein frisch angeeignetes Wissen direkt und ohne viele Kompromisse umsetzen.

Er blieb neun Jahre lang dort, kehrte dann aber auf das elterliche Weingut im Jura zurück. Seine Erfahrung, die er sich in diesen neun Jahren speziell im Bezug auf die Chardonnay-Traube aneignen konnte, merkt man seinen Weinen deutlich an. Die von uns verkosteten Weine „Cuvee Florine“ sowie „Les Grand Teppes Vieilles Vignes“ aus dem Jahrgang 2011 zeigen eindrucksvoll was mit dieser Rebsorte im Jura möglich ist. 

Dabei ist der „Florine“ mit seinen etwas reiferen Aromen wie Bratapfel, frischer Zitronentarte, gerösteten Nüssen und etwas Vanille das offenere Exemplar. Am Gaumen fällt die sehr hohe Säure sofort auf. Allerdings steht ihr genügend Extrakt gegenüber, um sie abzupuffern.

Im direkten Vergleich wirkt der „Les Grand Teppes“ dagegen deutlich kühler. In der Nase zunächst etwas Zitronenabrieb, Räucherspeck und ein nasses Flussbett. Die Frucht ist sehr im Hintergrund und kommt erst mit etwas Zeit und Luft im Glas dezent zum Vorschein. Der Wein wirkt deutlich straffer, mit mehr Zug und Spannung am Mittelgaumen als sein Nebenspieler aus gleichem Hause. Wieder fällt die relativ hohe Säure auf, die den Stoff zusätzlich noch unheimlich lebendig und trinkfreudig macht. Am besten legt man sich zwei oder drei Flaschen für fünf Jahre in den Keller. Ich denke, das kann sich durchaus lohnen. Der beste Wein der gesamten Verkostung in meinen Augen. 

Als dritten Wein gab es mit dem „Chalasses Marnes Bleues“ 2011 ein Gewächs, das zu 100% aus der autochthonen Rebsorte Savagnin gekeltert wird. Hier tritt diese, für das Jura typische, Aromatik nach Apfelschale, Quitte und Apfelkompott hervor. Im Mund hinkt er seinen beiden Vorgängern in Punkto Komplexität und Druck jedoch hinterher. Die Säure liegt ebenfalls deutlich niedriger als bei den Chardonnays. Was jedoch gut gefällt, ist das lange Finale hinten raus.

Daraufhin ging es mit den Rotweinen weiter. Alle Weine stammten aus dem Jahrgang 2012. Den Anfang machte hier der Poulsard „L’Enfant Terrible“. Ein Wein, auf den ich ganz besonders gespannt war, hatte ich doch bisher noch nie einen Wein aus diesem Rebenmaterial im Glas. Leider beging der Gastgeber den Fehler, den Wein zwei Stunden vor der Probe zu dekantieren. Man muss wissen, dass Poulsard eine Rebsorte ist, die sehr feinfühlige, ja nahezu leicht zerbrechliche Weine hervorbringt. Die gehören meines Erachtens erst kurz vor dem Genuss geöffnet, und wenn überhaupt nur kurz karaffiert Entsprechend war das Erlebnis sehr enttäuschend. In der Nase kaum etwas zu finden außer einer Note von zu lange gelagertem Apfelsaft und feuchter Erde. Am Gaumen wirkte der Wein super leicht, es fehlte allerdings total an Substanz, Konzentration und Länge. Wirklich schade. 

Mit der Rebsorte Trousseau konnte ich bis dato ebenfalls eher wenig anfangen. Glücklicherweise zeigte sich Ganevats „Plein Sud“ als ein sehr schönes Exemplar. Rotfruchtig mit Himbeere und wilden Walderdbeeren, dahinter nebst Zimt und weiteren weihnachtlichen Gewürzen eine leicht animalische Note und etwas weißer Pfeffer. Die lebendige Säure im Antrunk weiß ebenso zu gefallen wie die Leichtigkeit mit der dieser Wein auftritt. Die Tannine sind spürbar, jedoch nicht störend. Das Finale besitzt durchaus eine gewisse Länge, hier zeigt sich auch eine karge Note, die mich erstaunlicherweise etwas an einen Chablis erinnert. 

Über den darauffolgenden Wein möchte ich nicht viele Worte verlieren, der Kollege Nico Medenbach hat darüber bereits ausführlich geschrieben. Ich denke, sein Bericht passt zum „J´en Veux“ wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer. Ein wilder, polarisierender Naturbursche außerhalb jedes Trinkfensters von Normalos. Das muss man mögen. Mir gefällt sowas. sehr sogar. Zwei meiner Mitstreiter an diesem Abend fanden allerdings, dass man so einen Wein nicht unbedingt braucht. 

Der ungewöhnlichste Wein in Ganevats Sortiment ist eine Provokation. Als letzter Rotwein des Abends floss ein Pinot in unsere Gläser. Mit dem „Julien en Billat“ präsentiert der Winzer seine ganz eigene Interpretation dieser Rebsorte. Der dunkelfruchtigste Rotwein aus diesem Quartett. Schwarze Johannisbeere, Schwarzkirsche und wilde Waldhimbeeren gemixt mit viel feuchter Erde, Kräutern und dem Essigwasser von eingelegten Gewürzgurken bestimmen das Nasenbild. Am Gaumen wirkt der Wein sehr kühl, karg, ohne viel Frucht und stützt sich eher auf seinen mineralischen Kern. Er hat durchaus eine gewisse Komplexität, die man ihm nicht absprechen kann. Wie bei nahezu allen seine Kollegen, bleibt durch eine gut austarierte Säure die Trinkfreude erhalten. 

Eine Spezialität des Jura ist der Vin Jaune. französisch für „gelber“ Wein. Er wird ausschließlich aus der Sorte Savagnin gewonnen und muss nach der Vergärung mindestens 6 Jahre und 3 Monate im Fass lagern , bevor er als Vin Jaune bezeichnet werden darf. In dieser Zeit verdunstet bis zu 40% der Weines im Fass. Zurück bleibt eine Flüssigkeit, die im Falle des 2005 „Vin Jaune“ von Ganevat, nach Walnuss, Safran, Meersalz und etwas nach Torf riecht und mich an einen Sherry erinnert. Im Mund fällt einem sofort die sehr hohe Säure auf. Der Wein besitzt einen mittleren Körper, wirkt sehr frisch und jugendlich und hat eine unheimliche salzige Note im Abgang. Ich fand ihn interessant, muss aber ehrlich gestehen, dass mir bei diesem Thema auch etwas die Vergleichsmöglichkeiten fehlen, um eine Einordnung vornehmen zu können. Nichtsdestotrotz ein gelungener, runder Abschluss dieser Probe. 

Jean-Francois Ganevat nimmt mit seiner Kollektion eine Art Sonderstellung innerhalb des Jura ein. Seine Weine sprechen den offenen Konsumenten an, der keine Berührungsängste hat, einmal vom konventionellen Weg abzuweichen, sich aber nicht mit den oxidativ ausgebauten „Freakweinen“ anfreunden mag bzw. kann. Dabei bietet er vom relativ „normalen“ Chardonnay (der allerdings absolut die Typizität dieser Rebsorte in diesem Gebiet abbildet) bis zum sehr individualistisch geprägten „J`en Veux“ eine ganze Bandbreite an Auswahlmöglichkeiten an, unter der sich sicherlich für den ein oder anderen eine interessante Flasche finden lässt.

Die aktuellen Jahrgänge von Jean-Francois Ganevat gibt es hier zu beziehen.
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.


Montag, 5. Januar 2015

HebeBühne - der Theater Blog - Leute, geht mehr ins Theater! - ein flammendes Plädoyer von Michael Jetter

Front / Thalia Hamburg / Regie Luk Perceval 



Eine unmißverständliche Aufforderung von Michael Jetter

Ich möchte an dieser Stelle ein kurzes und sehr bewusstes Plädoyer für die deutschsprachigen Staats,- Stadt- und Landestheater abgeben. Sonntag für Sonntag sehen wir wunderbar ausgebildete Theaterschauspieler im Tatort, wir können erahnen, welches Potential in Ihnen steckt, werden aber immer wieder von schwachen Drehbüchern, mutlosen Regisseuren und langweiligen Plots daran gehindert, die Größe einiger Protagonisten zu spüren und zu erfahren. 

Ok, dass stimmt natürlich nicht generell, siehe letzter Tukur Tatort, aber über viele Jahre hinweg, habe ich so viele unfassbar langweilige TV Produktionen gesehen, dass ich an dieser Stelle kein anderes Urteil abgeben kann und es auch nicht mag.

Ich sage nicht, dass es auf der Bühne keine schwachen, oder belanglosen Abende gibt. Es gibt viel zu viele davon, aber man geht ja auch für die Magie des Augenblicks in das Theater, für einen Moment Wahrheit, wenn der Schauspieler nicht mehr als Schauspieler erkennbar ist, wenn die Rolle keine Rolle mehr ist, und wenn das Bühnenbild sich in Realität auflöst.

Platonov / Akademietheater Wien / Regie Alvis Hermanis 
Diese Momente sind trotz aller Qualität sehr selten und man darf auch nicht mit dem Anspruch in das Theater gehen, sie sofort erleben zu wollen. Sie ergeben sich einfach, sind plötzlich da, und in diesem Moment ist im Saal etwas spürbar, was ich hier als Wahrheit bezeichnen möchte, als ein magischer Moment, der nachwirken wird, und der glücklich machen kann.

Das Theater hat natürlich, auch durch sehr ordentliche Subventionen erst ermöglicht, den großen Vorteil, etwas auszuprobieren und das Scheitern als Option einkalkulieren zu können. Über die vielen großartigen Off Theater Produktionen spreche ich bewußt an dieser Stelle nicht, es würde den Rahmen, dieses kurzen Einwurfs sprengen.

Abend für Abend wird eine Geschichte aufs Neue erzählt, die Schauspieler können, in zum Teil sehr langen Sequenzen, einer Figur Kontur und Plausibilität verleihen, sie können gemeinsam mit ihren Mitspielern eine Intensität erzeugen, die das Medium Film in der Figurenzeichnung nur selten hinbekommt.

Wie oft schon war ich nach einer Inszenierung unberührt, konnte mit ihr nur wenig anfangen, aber da war das hysterische und rythmische Spiel einer Sophie Rois, die Hintergrundmusik einer Thalheimer Inszenierung, da war ein Kunstwerk von Bühnenbild, und da war ein traumhaft schönes Theater in Dresden oder Wien. Insofern habe ich noch nie einen Theaterbesuch radikal bereuen müssen. Ok, doch, die ganzen Yasmina Reza Abende, aber mit kleinbürgerlichen Selbstreflexionen halte ich mich nicht lange auf.

Eine Inszenierung geht nicht immer auf, dafür sind alle Beteiligten auch zu sehr im Lieferdruck, an manchen Theatern werden Stücke irrerweise nach sechs Inszenierungen wieder abgesetzt, bzw. es waren nur sechs Vorstellungen eingeplant. Das werde ich so nie verstehen und das muss ich ja auch nicht.

Maria Magdalena / Burgtheater Wien / Regie Michael Thalheimer
Es gibt aber auch an vielen Häusern die Langläufer, teilweise über 10 Jahre werden sie immer wieder ins Programm genommen, weil sie Qualität haben, weil sie groß sind und weil sie vom Publikum geliebt werden. Zwei gute Beispiele sind hier der Hamlet an der Schaubühne mit Lars Eidinger oder Onkel Wanja am Deutschen Theater mit Ulrich Matthes, vom längst verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch, aber es gibt viel mehr davon, auf www.nachtkritik.de kann man sich einen hervorragenden Überblick der aktuellen deutschsprachigen Theaterszene verschaffen.

Der entscheidende Unterschied zum Film ist wohl, dass im Theater der Phantasie naturgemäß viel mehr Platz eingeräumt wird. Viele der Protagonisten sind privat sehr scheu, aber auf der Bühne begeben sie sich auf die Suche, wollen verstehen, offenlegen und auch verführen. Es bedarf keiner realistisch abgebildeten Räumlichkeiten, viele große Momente entstehen auf fast völlig leergefegten Bühnen. Die Phantasie macht den Unterschied. Über zwei Stunden zu verfolgen, wie ein Gert Voss, Gott habe ihn selig,  sich in die Rolle eines völlig vereinsamten und egomanen Schauspielers hineinspielt, dass ist nur als Kunst zu bezeichnen. "Einfach kompliziert" ist ein eigentlich unspielbares Einpersonenstück von Thomas Bernhard, aber ein Gert Voss ist eben in der Lage, auch dieser Figur ihre Würde zu belassen und einen fast leergeräumten Raum für sich einzunehmen.

"Die Wünsche aufgegeben / aber mich selbst habe ich nicht aufgegeben / Wir schulden niemandem etwas / Alle schulden uns alles / aber wir schulden niemandem etwas." Zitat aus Einfach kompliziert.

Wenn dieses Plädoyer zur Folge haben sollte, dass sich auch einige Leser der Hebebühne einmal wieder in ihr Stadttheater begeben sollten, dann wäre ich mehr als froh darüber. Im übrigen gibt es auch prima Theaterkantinen, wie zum Beispiel am BE, im Gorki Theater, oder im Akademietheater in Wien. Die beste Weinkarte hat aktuell allerdings das Schauspielhaus in Hamburg, selbst Weine von den Golan Höhen werden dort offen ausgeschenkt.

In diesem Sinne zum Wohl und bleiben Sie uns, wie bisher, gewogen!


Samstag, 3. Januar 2015

Chianti - Wo der Staub der Eltern noch am Glase klebt, zwei Empfehlungen!

von Philipp Erik Breitenfeld
"In der Ehe muss man einen unaufhörlichen Kampf gegen ein Ungeheuer führen, das alles verschlingt: die Gewohnheit.“, sagte einst Honore de Balzac. Meine Ehe zum Wein definiert sich tagtäglich durch Tatendrang und Entdeckergeist. Aber wie schön es doch ab und zu sein kann, sich vermeintlich anachronistischen Weinregionen hinzugeben. Wo der Staub der Eltern noch am Glase klebt und kein Wein-Hipster seine Hornbrille über die Qualität bricht! 

Die Toskana. Rächer der Generation Gerhard Schröder. Ich liebe sie, auch wenn diese im öffentlichen Interesse mittlerweile nicht mehr dem kontemporären Fass der Zeit entspricht. Und um die Toskana einmal mehr in das vinophile gegenwärtliche Interesse zu rufen, empfehle ich Ihnen, geneigte Leser, heute zwei Chianti Classico aus dem fabelhaften Jahrgang 2010. Die Rebsorte Sangiovese in ihrer schönsten Form. Wichtig bei der Auswahl war mir, dass man diese Weine auch relativ einfach beziehen kann. Es bereitet durchaus Vergnügen von besonderen Weinen zu lesen, die vor Ort verkostet wurden. Ohne machbare Bezugsquelle, bleiben sie aber leider eine lyrische Fantasie.

Fangen wir an mit einem „Gran Selezione“. Die neu geschaffene höchste Qualitätskategorie des Chianti Classico. Die Agricola San Felice liegt im Herzen des Chianti Classico Gebiets in Castelnuovo Berardenga. Seit 1984 gehört auch das Weingut Campogiovanni in Montalcino zum Besitz Das Weingut verfügt über rund 180 Hektar Weinberge in besten Lagen. 


2010 Chianti Classico "Il Grigio" Gran Selezione DOCG Agr. San Felice 
Im funkelnden satten Rot dreht dieser Klassiker seine Runden im Glas. Äußerst komplexes und verflochtenes Bukett nach Sauerkirsche, ein wenig Cassislikör, Orange und florale Noten nach Veilchen. Kräftiger würziger Einschlag nach Salbei und schwarzen Pfeffer. Frisch gespantes Eichenholz, erdige Nuancen und neues Leder. Ziemlich viel los in der Nase. Bei allem Tumult verliert dieser Gran Selezione jedoch nicht seine auffallend elegante Note. 

Am Gaumen primär samtig weiche Tannine, einnehmend noble Frucht, saftig und stoffig, ob seiner Jugend noch spürbarer Holzeinschlag, der Alkoholgehalt völlig moderat integriert, überraschend tief. 
Vielleicht sind es die 20% autochthonen Rebsorten (Abrusco, Pugnitello, Malvasia Nera, Ciliegiolo, Mazzese), die dem Wein eine herbe erdige und unterhaltend packende Note geben. Auch hier behält er wieder seine Grandezza! Im Finish trocken, rustikal und herzerwärmend lang. 

Wie ein Rugby Spiel unter Ehrenmännern! Dieser Chianti Classico lässt meinen Glauben an die Individualität auch innerhalb der großen Namen wieder aufflammen. Ein fast perfektes Exemplar seiner etruskischen Zunft! Dabei in Sachen Preis-Leistung ein Angriff auf jede Markenblase. Für knapp über 20€ ist man dabei. Es lohnt sich. Hier für 21,50€ zu beziehen. 

Der „Gambero Rosso“ über den Erzeuger der zweiten Chianti Empfehlung: „Akribische Sorgfalt im Weinberg nach Bordeaux-Vorbild, im Keller wenig unnützer Zwang und Zusammenarbeit auch mit internationalen Beratern, machen die noch eher junge Kellerei von Pier Luigi Tolaini zu einem maßgeblichen Betrieb im Chianti Classico.“ 


2010 Tolaini Chianti Classico "Montebello Vigneto No. 7" Riserva DOCG 
Im feudalen Rubinrot dreht dieser Chianti Classico Riserva seine Runden im Glas. Kontradiktorische Nase nach opulenten Blaubeeren, Sauerkirsche, reifen Orangen, ein Hauch Dörrpflaume, auf der anderen Seite würzige Töne nach Kerbel, ein wenig Basilikum und Gewürznelken. Das Ganze wirkt aber nicht zu weitschweifig, sondern eher kühl und harmonisch. 

Sehr überraschend, denn dieser Eindruck bestätigt sich am Gaumen. Stoffig, straffe Tannine, straff, dennoch volle Frucht. Der Alkoholgehalt mit 13,5% sensationell stimmig integriert. Fordernd würzig und saftig, aber dabei erneut kühl und unheimlich elegant. Das Finish staubtrocken und in diesem jungen Stadium noch etwas vom Holz geprägt. Macht aber nichts. 

Ein fabelhafter Chianti! So etwas stimmiges, dennoch forderndes, kühles und komplexes, habe ich in in dieser Preiskategorie selten getrunken. Für ca. 24€ hier zu beziehen. 

Beide Weine sind derzeit meine Favoriten aus dem Chianti. Sie vereinen Moderne, Individualität ohne ihre Herkunft und Tradition zu verleugnen. Am wichtigsten aber, sie machen verdammt viel Spaß! Gerade jetzt im Winter. Ein einfaches Lamm mit Bärlauchrisotto dazu und die Welt macht eine Pause. Hier das Rezept. 

Ihnen allen noch ein gutes, neues Jahr! Viel Glück, Gesundheit und vor allem zuviel des Guten!
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.


Freitag, 2. Januar 2015

Zwischen Saumagen und Heiterkeit - Consigliere Dröfke und das Koehler-Ruprecht Experiment

von Marc Dröfke
Es gibt Weingüter mit deren Namen man sofort eine spezielle Lage in Verbindung bringt. Meist stammt entweder ein großer Teil der jeweiligen Produktion aus diesem Stückchen Erde oder, und diese beiden Umstände schließen sich meist nicht aus, die besten Gewächse werden aus ihm gewonnen. Als ein sehr gutes Beispiel lässt sich dabei Deutschlands vielleicht bekanntester Winzer nennen: Egon Müller. Müller keltert den Bärenanteil seiner Flaschen aus dem Scharzhofberg. Vom „einfachen“ Kabinett über die Spätlese, Auslese bis hin zu seinen weltbekannten Weinlegenden wie dem Eiswein oder gar der Trockenbeerenauslese, die zum Teil für mehrere tausend Euro die Flasche über den Ladentisch wandert.

Ganz so hoch werden die Weine von Koehler-Ruprecht zwar nicht gehandelt, aber auch hier kann das gleiche beobachtet werden. Wie Müller mit dem Scharzhofberg, assoziiert man den Betrieb aus Kallstadt sofort mit dem Saumagen. Die Lage liegt nur einen Steinwurf vom Weingut aus entfernt. Hier bewirtschaftet das Team u.a. 3,8 Hektar Riesling, aus dem die bekannten Weine gekeltert werden. Dabei bildet der nach Süden ausgerichtete Teil das „Filetstück“. Früher war dieses Gebiet als Kallstadter Horn und Kirchenstück bekannt. Der Ertrag aus dem Saumagen variiert von Jahr zu Jahr zwischen 40hl/ha und 75hl/ha. Ich hatte kurz vor dem letzten Monatswechsel das große Glück zusammen mit anderen Journalisten und Bloggern im Weingut  an einer Verkostung teilzunehmen, die sich ganz dem Thema Riesling aus dem Saumagen widmete. 

Das Weingut Koehler-Ruprecht besteht ca. seit 1700 und wurde, wie der Name teilweise verrät, von der Familie Ruprecht gegründet. Dieser fiel, wie auch später der Name Koehler, einer weiblichen Erbfolge zum Opfer. 1969 kam dann der Name Philippi das erste Mal ins Spiel. Zu diesem Zeitpunkt übernahm Otto Philippi den Pfälzer Betrieb, den er 1986 an seinen Sohn Bernd weiterreichte. Er war kein „Unbefleckter“. Ein Weinwirtschaft-Studium in Geisenheim und einige Jahre Erfahrung als Weinmacher rund um den Globus konnte er bereits auf der Haben-Seite verbuchen. Doch irgendwann zog es ihn in die Heimat zurück.

Bernd Philippi schuf dort einen Typ Wein, der bis heute nahezu der einzige seiner Machart geblieben ist. Trockene Prädikatsweine, spontanvergoren, nicht entsäuert, ausgebaut in zum Teil über 100 Jahre alten Holzfässern, die sehr lange reifen können und erst nach einigen Jahren im Keller ihre ganze Pracht entfalten. Die Qualität wurden von Jahr zu Jahr besser und das Weingut heimste einen Erfolg nach dem anderen ein.

Doch irgendwann ging auch dieses Märchen, zumindest teilweise, zu Ende. Philippi verkaufte das Weingut im Juli 2009 nach nahezu zwei Jahren Verhandlungen an die amerikanische Familie Sauvage, die dankenswerter Weise an dem Grundkonzept wenig geändert und dies laut Marquis Sauvage zukünftig auch nicht vor hat (Quelle:Minute 37:45 aus diesem Video).

Philippi selbst scheinen es die Rebanlagen im portugiesischen Douro Tal angetan zu haben. Zusammen mit Werner Näkel betreibt er dort die Quinta da Carvalhosa . Er ist aber weiterhin in einigen anderen Weingütern beratend tätig.

Der jetzige Geschäftsführer von Koehler-Ruprecht, Dominik Sona, kam mit dem Weingut das erste Mal 2008 in Berührung. Er war beim Verschnitt des Jahrgangs dabei und stieg kurz nach der Ernte 2009, eingesetzt durch die amerikanischen Investoren, dann voll in das Tagesgeschäft des Betriebes ein.  Bevor ihn der Ruf von Koehler-Ruprecht erreichte, studierte auch Sona in Geisenheim und machte danach u.a. Station in Neuseeland bei Rimu Grove, Van Volxem an der Saar, Flowers und Littorai in Kalifornien und zu guter Letzt beim Weingut J.L. Wolf in Wachenheim.

Soviel zur Gesichtsstunde, zurück zu den Weinen. Wir probierten uns durch die Jahrgänge 2008 bis 2013 und zwar vom Kabinett über die Spätlese bis zur Auslese. Grundsätzlich gilt es zu erwähnen, dass der Kabinett immer der leichteste, trinkfreudigste Wein sein soll. Die Spätlese hingegen kommt mehr über die Eleganz und übertrumpft die Auslese in dieser Hinsicht ab und an, wobei die Auslese laut Sona immer den komplexesten Wein darstellt. Die Weine wurden alle am Tag der Verkostung um ca. 10:30 Uhr geöffnet, so dass für alle Weine die gleichen Bedingungen herrschten.

Es war sehr interessant, die verschiedenen Jahrgangs-Typizitäten im direkten Vergleich zu sehen, wobei meines Erachtens nach der Kabinett zum Teil gravierende Unterschiede zur Spätlese und diese wiederum zur Auslese im selben Jahrgang hatte. Hier hätte ich die Weine zum Teil nicht klar nebeneinander einordnen können.

Als ein gutes Beispiel lässt sich der Jahrgang 2008 anführen. Der Wein im Kabinett-Bereich war für mich der schwächste im Feld. Ihm fehlte irgendwie die nötige Substanz und die Säure war nicht perfekt eingebunden. Die Spätlese und vor allem Auslese hingegen präsentierten sich deutlich frischer und bildeten für mich mit die Spitze in der jeweiligen Prädikatsstufe
.
Daneben gefiel mir der 2012 Jahrgang durch die Bank sehr gut. Die Weine hatten das bisschen mehr an Säure sowie Zug am Gaumen, das mir bei dem ein oder anderen Wein aus den vorherigen Jahrgängen etwas fehlte.

2011 wirkte durchweg schon deutlich reifer und auch breitschultriger wie die Kollegen, hatte aber einen sehr schönen Trinkfluss und ließ sich so schön wegsüffeln. Es fehlte mir persönlich aber die oben erwähnte Säure ein wenig.

Aus dem "Arschjahr" 2010 fiel mir der Kabinett positiv auf. Er war mehr von einer Mineralität und kräutriger Tee-Note geprägt als von der Frucht. Die Spät- und Auslese fanden sich in meinem Ranking im Mittelfeld wieder.

Ein Jahrgang, den ich selbst eher weniger auf dem Radar hatte wenn es sich um Riesling dreht, ist 2009. Die Spätlese, die Sona und sein Team in diesem Jahr auf die Flasche gezogen haben belehrten mich eines besseren. Ein Bomben-Wein, der mich ganz besonders durch seine Klarheit und unfassbar gute Struktur fesselte. Für mich die beste Spätlese an diesem Abend. Der Kabinett hingegen fiel ungewöhnlich reif und offen aus. Im Abgang fehlte mir hier die letzte Konsequenz.

Danach ging es in die „Bonus-Runde“ und das bedeutet an diesem Abend: Spätlese „R“, Auslese „R“ und Auslese „RR“. Die unheimlich raren Weine bilden die Speerspitze des Sortiments von Koehler-Ruprecht und kommen erst 4 (Spätlese) bzw. 6 Jahre (Auslese) nach der Ernte auf den Markt. Die Auslese „RR“ lagert gar 7 Jahre auf dem Weingut, bis sie in den Verkauf kommt.    

Für mich war hier nochmals sehr deutlich die Trennung von Spätlese (schlanker, eleganter, fast tänzelnd) und Auslese (dunkler, tiefer, komplexer) zu erkennen.
Die jüngsten Weine der Probe aus dieser Kategorie stammten aus dem Jahr 2012. 2013 wurden - wie 2010 - keine „R“ erzeugt. Sie werden 2016 bzw. 2018 in den Verkauf kommen und jeder Fan kann sich auf zwei ganz, ganz große Rieslinge freuen. Die Spätlese „R“ zeigte sich zwar noch sehr primärfruchtig, aber gleichzeitig unheimlich filigran und elegant. Am Gaumen sehr schlank und fast tänzelnd ohne den nötigen Druck vermissen zu lassen.

Die Auslese „R“ war für mich eigentlich der Wein des Abends. Unfassbar tief, dunkel, zurückgezogen, kräutrig, rauchig mit einer Power und Zug am Gaumen, die ihresgleichen suchen. Eine fast schon beißende Säure geht über in einen unfassbar langen Nachhall. Was für ein Wein. Das geht nicht besser, nur anders.

Die 2011er konnten da nicht ganz mithalten. Die Auslese präsentierte sich ausladender als sein Vorgänger, wirkte am Gaumen fast schon ein wenig rustikal. Was aber keinesfalls negativ gemeint ist. In der Nase Birne, Apfelsaft, etwas Lauch und eine ganz feine oxidative Note. Ein Wein, der mir ebenfalls gut gefiel, allerdings auf eine ganz andere Weise wie die 2012er.

Dann wurden die 2009er eingeschenkt, inklusive der 2009 Auslese „RR“. Andere Mitverkoster am Tisch waren Feuer und Flamme für die Weine. Für mich persönlich allerdings waren sie in einer eher verschlossenen Phase und ich konnte die wahre Größe nicht richtig greifen. Dass ein unheimliches Potential hinter diesen Gewächsen steckt, ist ohne Frage zu bejahen. Total weggeblasen haben sie mich allerdings nicht. Das will ich hier in aller Deutlichkeit auch sagen.

2008 war wieder offener mit sehr viel Substanz und Frische versehen. Ich konnte glücklicherweise noch eine Flasche der Auslese „R“ ergattern und bin gespannt, wohin der Weg des Weines noch führen wird.

Zum Abschluss gab es noch die zurecht als legendär bezeichnete Auslese „R“ aus dem Jahrgang 2004. Ich habe mir zu diesem Wein keine Notizen mehr gemacht, aber er war die nahezu perfekte Kombination aus Komplexität und Finesse. Ein Leuchtturm in Sachen trockener Riesling und so nicht replizierbar.

Ein großer Dank gilt den Medienagenten um Felix Eschenauer, die mich zu dieser großartigen Probe eingeladen haben sowie an Dominik Sona und seine Assistentin Franziska Schmitt für die Organisation der Probe und die Eröffnung der Möglichkeit, diese großartigen Weine alle verkosten zu können.  

Danke an Ralf Kaiser für die Bereitstellung der Fotos 


Montag, 29. Dezember 2014

HebeBühne - der Theater Blog - "Warum läuft Herr R. Amok?" - Münchner Kammerspiele


von Rainer Werner Fassbinder Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Newton, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Video: Ikenna Okegwo, Lena Newton, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Koen Tachelet Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz:, Erika Waltemath 

von Philipp Erik Breitenfeld
Warum läuft Herr R. Amok? Rainer Werner Fassbinders Eklat der Spießigkeit ist eigentlich schnell erklärt. Ohne drückende Dramatik in 3:28 Minuten. Man höre einfach nur Udo Jürgens Lied „Ich war noch niemals in New York“. Jürgens? Ja, der kürzlich verstorbene Entertainer riecht nicht nach intellektuellem Gesellschaftsdrama, sondern eher nach Rotkäppchen Sekt und Bausparvertrag. Doch ist er im Vergleich zu der Geschichte des Herren Raab, der ja bekanntlich Amok läuft, auf Augenhöhe. 

Der Akteur in Udo Jürgens Lied richtet sich und seine Frau trotz aller Tristesse nicht, was das Leiden innerhalb Spießbürgerschaft verlängert und damit eigentlich sehr viel mehr Qual als der Suizid verspricht! Jürgens ist der traurige Realist, der Kämpfer, Fassbinder ein Feigling! 

Und dann kommt die Regisseurin Susanne Kennedy und adaptiert Fassbinders Film auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Ein Experiment. Man mache die Kleinbürgerlichkeit noch kleiner, beengender und theatralisch klaustrophobischer. Man entwertet den Charakter, die Individualität. Die Schauspieler tragen Masken. Sie spielen ihre unausweichliche, fixierte Rolle. So werden die Schauspieler hinter den Masken des öffentlichen bornierten Lebens gewechselt, ohne an Pathos zu gewinnen. 

Kennedy quält den Zuschauer mit einer unheimlichen Lethargie und Langatmigkeit. Jeder Akteur tut, was man von ihm erwartet und scheitert. Beklemmende Leere eine Folge daraus. Und so wird aus kleinen Niederlagen des Alltags, ein Tsunami der Hoffnungslosigkeit. Gefangen in der Spießigkeit. Bewusst. Zur ausgelassenen Depression nicht fähig. Ob der Etikette.

Eines muss man dieser quälenden Inszenierung lassen. Sie beantwortet die Frage, warum Herr R. denn nun Amok läuft, mehr als eindringlich. 

Man erwischt sich bei dem Wunsch, dass Herr R. nun doch endlich Amok laufen solle, da die drückende, sich wie ein Kaugummi ziehende Hommage an die Leere des Bürgertums, den Zuschauer emotional und fordernd in den Abgrund des Herren R. zu ziehen vermag. 

Dabei sind einem die Orte, die Bereiche des Alltags, die Gespräche, die - wie Susanne Kennedy es ausdrückt - von Vorurteilen, Frustrationen und Klatsch geprägte Welt, nicht fremd. Keine Szene, wo man sich nicht selbst in der Retrospektive wiederfinden könnte. Sind wir demnach schon so abgestumpft, dass wir die beklemmende Leere verdrängen? Oder gibt es den „Wir“ Begriff gar nicht und die Parallelen entstehen aus purem Zufall? Selbstbetrug. „Ich war noch niemals in New York“. 

Kennedys Inszenierung lebt vor allem vom inneren Kampf des gequälten Zuschauers. Zwischen Verständnis, Wiedererkennungswert und Sehnsucht. Ein Mahnmal. Kein großes Theater. Ein gelungenes Experiment. Eine Installation.