Montag, 5. Januar 2015

HebeBühne - der Theater Blog - Leute, geht mehr ins Theater! - ein flammendes Plädoyer von Michael Jetter

Front / Thalia Hamburg / Regie Luk Perceval 



Eine unmißverständliche Aufforderung von Michael Jetter

Ich möchte an dieser Stelle ein kurzes und sehr bewusstes Plädoyer für die deutschsprachigen Staats,- Stadt- und Landestheater abgeben. Sonntag für Sonntag sehen wir wunderbar ausgebildete Theaterschauspieler im Tatort, wir können erahnen, welches Potential in Ihnen steckt, werden aber immer wieder von schwachen Drehbüchern, mutlosen Regisseuren und langweiligen Plots daran gehindert, die Größe einiger Protagonisten zu spüren und zu erfahren. 

Ok, dass stimmt natürlich nicht generell, siehe letzter Tukur Tatort, aber über viele Jahre hinweg, habe ich so viele unfassbar langweilige TV Produktionen gesehen, dass ich an dieser Stelle kein anderes Urteil abgeben kann und es auch nicht mag.

Ich sage nicht, dass es auf der Bühne keine schwachen, oder belanglosen Abende gibt. Es gibt viel zu viele davon, aber man geht ja auch für die Magie des Augenblicks in das Theater, für einen Moment Wahrheit, wenn der Schauspieler nicht mehr als Schauspieler erkennbar ist, wenn die Rolle keine Rolle mehr ist, und wenn das Bühnenbild sich in Realität auflöst.

Platonov / Akademietheater Wien / Regie Alvis Hermanis 
Diese Momente sind trotz aller Qualität sehr selten und man darf auch nicht mit dem Anspruch in das Theater gehen, sie sofort erleben zu wollen. Sie ergeben sich einfach, sind plötzlich da, und in diesem Moment ist im Saal etwas spürbar, was ich hier als Wahrheit bezeichnen möchte, als ein magischer Moment, der nachwirken wird, und der glücklich machen kann.

Das Theater hat natürlich, auch durch sehr ordentliche Subventionen erst ermöglicht, den großen Vorteil, etwas auszuprobieren und das Scheitern als Option einkalkulieren zu können. Über die vielen großartigen Off Theater Produktionen spreche ich bewußt an dieser Stelle nicht, es würde den Rahmen, dieses kurzen Einwurfs sprengen.

Abend für Abend wird eine Geschichte aufs Neue erzählt, die Schauspieler können, in zum Teil sehr langen Sequenzen, einer Figur Kontur und Plausibilität verleihen, sie können gemeinsam mit ihren Mitspielern eine Intensität erzeugen, die das Medium Film in der Figurenzeichnung nur selten hinbekommt.

Wie oft schon war ich nach einer Inszenierung unberührt, konnte mit ihr nur wenig anfangen, aber da war das hysterische und rythmische Spiel einer Sophie Rois, die Hintergrundmusik einer Thalheimer Inszenierung, da war ein Kunstwerk von Bühnenbild, und da war ein traumhaft schönes Theater in Dresden oder Wien. Insofern habe ich noch nie einen Theaterbesuch radikal bereuen müssen. Ok, doch, die ganzen Yasmina Reza Abende, aber mit kleinbürgerlichen Selbstreflexionen halte ich mich nicht lange auf.

Eine Inszenierung geht nicht immer auf, dafür sind alle Beteiligten auch zu sehr im Lieferdruck, an manchen Theatern werden Stücke irrerweise nach sechs Inszenierungen wieder abgesetzt, bzw. es waren nur sechs Vorstellungen eingeplant. Das werde ich so nie verstehen und das muss ich ja auch nicht.

Maria Magdalena / Burgtheater Wien / Regie Michael Thalheimer
Es gibt aber auch an vielen Häusern die Langläufer, teilweise über 10 Jahre werden sie immer wieder ins Programm genommen, weil sie Qualität haben, weil sie groß sind und weil sie vom Publikum geliebt werden. Zwei gute Beispiele sind hier der Hamlet an der Schaubühne mit Lars Eidinger oder Onkel Wanja am Deutschen Theater mit Ulrich Matthes, vom längst verstorbenen Regisseur Jürgen Gosch, aber es gibt viel mehr davon, auf www.nachtkritik.de kann man sich einen hervorragenden Überblick der aktuellen deutschsprachigen Theaterszene verschaffen.

Der entscheidende Unterschied zum Film ist wohl, dass im Theater der Phantasie naturgemäß viel mehr Platz eingeräumt wird. Viele der Protagonisten sind privat sehr scheu, aber auf der Bühne begeben sie sich auf die Suche, wollen verstehen, offenlegen und auch verführen. Es bedarf keiner realistisch abgebildeten Räumlichkeiten, viele große Momente entstehen auf fast völlig leergefegten Bühnen. Die Phantasie macht den Unterschied. Über zwei Stunden zu verfolgen, wie ein Gert Voss, Gott habe ihn selig,  sich in die Rolle eines völlig vereinsamten und egomanen Schauspielers hineinspielt, dass ist nur als Kunst zu bezeichnen. "Einfach kompliziert" ist ein eigentlich unspielbares Einpersonenstück von Thomas Bernhard, aber ein Gert Voss ist eben in der Lage, auch dieser Figur ihre Würde zu belassen und einen fast leergeräumten Raum für sich einzunehmen.

"Die Wünsche aufgegeben / aber mich selbst habe ich nicht aufgegeben / Wir schulden niemandem etwas / Alle schulden uns alles / aber wir schulden niemandem etwas." Zitat aus Einfach kompliziert.

Wenn dieses Plädoyer zur Folge haben sollte, dass sich auch einige Leser der Hebebühne einmal wieder in ihr Stadttheater begeben sollten, dann wäre ich mehr als froh darüber. Im übrigen gibt es auch prima Theaterkantinen, wie zum Beispiel am BE, im Gorki Theater, oder im Akademietheater in Wien. Die beste Weinkarte hat aktuell allerdings das Schauspielhaus in Hamburg, selbst Weine von den Golan Höhen werden dort offen ausgeschenkt.

In diesem Sinne zum Wohl und bleiben Sie uns, wie bisher, gewogen!


Samstag, 3. Januar 2015

Chianti - Wo der Staub der Eltern noch am Glase klebt, zwei Empfehlungen!

von Philipp Erik Breitenfeld
"In der Ehe muss man einen unaufhörlichen Kampf gegen ein Ungeheuer führen, das alles verschlingt: die Gewohnheit.“, sagte einst Honore de Balzac. Meine Ehe zum Wein definiert sich tagtäglich durch Tatendrang und Entdeckergeist. Aber wie schön es doch ab und zu sein kann, sich vermeintlich anachronistischen Weinregionen hinzugeben. Wo der Staub der Eltern noch am Glase klebt und kein Wein-Hipster seine Hornbrille über die Qualität bricht! 

Die Toskana. Rächer der Generation Gerhard Schröder. Ich liebe sie, auch wenn diese im öffentlichen Interesse mittlerweile nicht mehr dem kontemporären Fass der Zeit entspricht. Und um die Toskana einmal mehr in das vinophile gegenwärtliche Interesse zu rufen, empfehle ich Ihnen, geneigte Leser, heute zwei Chianti Classico aus dem fabelhaften Jahrgang 2010. Die Rebsorte Sangiovese in ihrer schönsten Form. Wichtig bei der Auswahl war mir, dass man diese Weine auch relativ einfach beziehen kann. Es bereitet durchaus Vergnügen von besonderen Weinen zu lesen, die vor Ort verkostet wurden. Ohne machbare Bezugsquelle, bleiben sie aber leider eine lyrische Fantasie.

Fangen wir an mit einem „Gran Selezione“. Die neu geschaffene höchste Qualitätskategorie des Chianti Classico. Die Agricola San Felice liegt im Herzen des Chianti Classico Gebiets in Castelnuovo Berardenga. Seit 1984 gehört auch das Weingut Campogiovanni in Montalcino zum Besitz Das Weingut verfügt über rund 180 Hektar Weinberge in besten Lagen. 


2010 Chianti Classico "Il Grigio" Gran Selezione DOCG Agr. San Felice 
Im funkelnden satten Rot dreht dieser Klassiker seine Runden im Glas. Äußerst komplexes und verflochtenes Bukett nach Sauerkirsche, ein wenig Cassislikör, Orange und florale Noten nach Veilchen. Kräftiger würziger Einschlag nach Salbei und schwarzen Pfeffer. Frisch gespantes Eichenholz, erdige Nuancen und neues Leder. Ziemlich viel los in der Nase. Bei allem Tumult verliert dieser Gran Selezione jedoch nicht seine auffallend elegante Note. 

Am Gaumen primär samtig weiche Tannine, einnehmend noble Frucht, saftig und stoffig, ob seiner Jugend noch spürbarer Holzeinschlag, der Alkoholgehalt völlig moderat integriert, überraschend tief. 
Vielleicht sind es die 20% autochthonen Rebsorten (Abrusco, Pugnitello, Malvasia Nera, Ciliegiolo, Mazzese), die dem Wein eine herbe erdige und unterhaltend packende Note geben. Auch hier behält er wieder seine Grandezza! Im Finish trocken, rustikal und herzerwärmend lang. 

Wie ein Rugby Spiel unter Ehrenmännern! Dieser Chianti Classico lässt meinen Glauben an die Individualität auch innerhalb der großen Namen wieder aufflammen. Ein fast perfektes Exemplar seiner etruskischen Zunft! Dabei in Sachen Preis-Leistung ein Angriff auf jede Markenblase. Für knapp über 20€ ist man dabei. Es lohnt sich. Hier für 21,50€ zu beziehen. 

Der „Gambero Rosso“ über den Erzeuger der zweiten Chianti Empfehlung: „Akribische Sorgfalt im Weinberg nach Bordeaux-Vorbild, im Keller wenig unnützer Zwang und Zusammenarbeit auch mit internationalen Beratern, machen die noch eher junge Kellerei von Pier Luigi Tolaini zu einem maßgeblichen Betrieb im Chianti Classico.“ 


2010 Tolaini Chianti Classico "Montebello Vigneto No. 7" Riserva DOCG 
Im feudalen Rubinrot dreht dieser Chianti Classico Riserva seine Runden im Glas. Kontradiktorische Nase nach opulenten Blaubeeren, Sauerkirsche, reifen Orangen, ein Hauch Dörrpflaume, auf der anderen Seite würzige Töne nach Kerbel, ein wenig Basilikum und Gewürznelken. Das Ganze wirkt aber nicht zu weitschweifig, sondern eher kühl und harmonisch. 

Sehr überraschend, denn dieser Eindruck bestätigt sich am Gaumen. Stoffig, straffe Tannine, straff, dennoch volle Frucht. Der Alkoholgehalt mit 13,5% sensationell stimmig integriert. Fordernd würzig und saftig, aber dabei erneut kühl und unheimlich elegant. Das Finish staubtrocken und in diesem jungen Stadium noch etwas vom Holz geprägt. Macht aber nichts. 

Ein fabelhafter Chianti! So etwas stimmiges, dennoch forderndes, kühles und komplexes, habe ich in in dieser Preiskategorie selten getrunken. Für ca. 24€ hier zu beziehen. 

Beide Weine sind derzeit meine Favoriten aus dem Chianti. Sie vereinen Moderne, Individualität ohne ihre Herkunft und Tradition zu verleugnen. Am wichtigsten aber, sie machen verdammt viel Spaß! Gerade jetzt im Winter. Ein einfaches Lamm mit Bärlauchrisotto dazu und die Welt macht eine Pause. Hier das Rezept. 

Ihnen allen noch ein gutes, neues Jahr! Viel Glück, Gesundheit und vor allem zuviel des Guten!
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc., keinerlei Geld erhalten.


Freitag, 2. Januar 2015

Zwischen Saumagen und Heiterkeit - Consigliere Dröfke und das Koehler-Ruprecht Experiment

von Marc Dröfke
Es gibt Weingüter mit deren Namen man sofort eine spezielle Lage in Verbindung bringt. Meist stammt entweder ein großer Teil der jeweiligen Produktion aus diesem Stückchen Erde oder, und diese beiden Umstände schließen sich meist nicht aus, die besten Gewächse werden aus ihm gewonnen. Als ein sehr gutes Beispiel lässt sich dabei Deutschlands vielleicht bekanntester Winzer nennen: Egon Müller. Müller keltert den Bärenanteil seiner Flaschen aus dem Scharzhofberg. Vom „einfachen“ Kabinett über die Spätlese, Auslese bis hin zu seinen weltbekannten Weinlegenden wie dem Eiswein oder gar der Trockenbeerenauslese, die zum Teil für mehrere tausend Euro die Flasche über den Ladentisch wandert.

Ganz so hoch werden die Weine von Koehler-Ruprecht zwar nicht gehandelt, aber auch hier kann das gleiche beobachtet werden. Wie Müller mit dem Scharzhofberg, assoziiert man den Betrieb aus Kallstadt sofort mit dem Saumagen. Die Lage liegt nur einen Steinwurf vom Weingut aus entfernt. Hier bewirtschaftet das Team u.a. 3,8 Hektar Riesling, aus dem die bekannten Weine gekeltert werden. Dabei bildet der nach Süden ausgerichtete Teil das „Filetstück“. Früher war dieses Gebiet als Kallstadter Horn und Kirchenstück bekannt. Der Ertrag aus dem Saumagen variiert von Jahr zu Jahr zwischen 40hl/ha und 75hl/ha. Ich hatte kurz vor dem letzten Monatswechsel das große Glück zusammen mit anderen Journalisten und Bloggern im Weingut  an einer Verkostung teilzunehmen, die sich ganz dem Thema Riesling aus dem Saumagen widmete. 

Das Weingut Koehler-Ruprecht besteht ca. seit 1700 und wurde, wie der Name teilweise verrät, von der Familie Ruprecht gegründet. Dieser fiel, wie auch später der Name Koehler, einer weiblichen Erbfolge zum Opfer. 1969 kam dann der Name Philippi das erste Mal ins Spiel. Zu diesem Zeitpunkt übernahm Otto Philippi den Pfälzer Betrieb, den er 1986 an seinen Sohn Bernd weiterreichte. Er war kein „Unbefleckter“. Ein Weinwirtschaft-Studium in Geisenheim und einige Jahre Erfahrung als Weinmacher rund um den Globus konnte er bereits auf der Haben-Seite verbuchen. Doch irgendwann zog es ihn in die Heimat zurück.

Bernd Philippi schuf dort einen Typ Wein, der bis heute nahezu der einzige seiner Machart geblieben ist. Trockene Prädikatsweine, spontanvergoren, nicht entsäuert, ausgebaut in zum Teil über 100 Jahre alten Holzfässern, die sehr lange reifen können und erst nach einigen Jahren im Keller ihre ganze Pracht entfalten. Die Qualität wurden von Jahr zu Jahr besser und das Weingut heimste einen Erfolg nach dem anderen ein.

Doch irgendwann ging auch dieses Märchen, zumindest teilweise, zu Ende. Philippi verkaufte das Weingut im Juli 2009 nach nahezu zwei Jahren Verhandlungen an die amerikanische Familie Sauvage, die dankenswerter Weise an dem Grundkonzept wenig geändert und dies laut Marquis Sauvage zukünftig auch nicht vor hat (Quelle:Minute 37:45 aus diesem Video).

Philippi selbst scheinen es die Rebanlagen im portugiesischen Douro Tal angetan zu haben. Zusammen mit Werner Näkel betreibt er dort die Quinta da Carvalhosa . Er ist aber weiterhin in einigen anderen Weingütern beratend tätig.

Der jetzige Geschäftsführer von Koehler-Ruprecht, Dominik Sona, kam mit dem Weingut das erste Mal 2008 in Berührung. Er war beim Verschnitt des Jahrgangs dabei und stieg kurz nach der Ernte 2009, eingesetzt durch die amerikanischen Investoren, dann voll in das Tagesgeschäft des Betriebes ein.  Bevor ihn der Ruf von Koehler-Ruprecht erreichte, studierte auch Sona in Geisenheim und machte danach u.a. Station in Neuseeland bei Rimu Grove, Van Volxem an der Saar, Flowers und Littorai in Kalifornien und zu guter Letzt beim Weingut J.L. Wolf in Wachenheim.

Soviel zur Gesichtsstunde, zurück zu den Weinen. Wir probierten uns durch die Jahrgänge 2008 bis 2013 und zwar vom Kabinett über die Spätlese bis zur Auslese. Grundsätzlich gilt es zu erwähnen, dass der Kabinett immer der leichteste, trinkfreudigste Wein sein soll. Die Spätlese hingegen kommt mehr über die Eleganz und übertrumpft die Auslese in dieser Hinsicht ab und an, wobei die Auslese laut Sona immer den komplexesten Wein darstellt. Die Weine wurden alle am Tag der Verkostung um ca. 10:30 Uhr geöffnet, so dass für alle Weine die gleichen Bedingungen herrschten.

Es war sehr interessant, die verschiedenen Jahrgangs-Typizitäten im direkten Vergleich zu sehen, wobei meines Erachtens nach der Kabinett zum Teil gravierende Unterschiede zur Spätlese und diese wiederum zur Auslese im selben Jahrgang hatte. Hier hätte ich die Weine zum Teil nicht klar nebeneinander einordnen können.

Als ein gutes Beispiel lässt sich der Jahrgang 2008 anführen. Der Wein im Kabinett-Bereich war für mich der schwächste im Feld. Ihm fehlte irgendwie die nötige Substanz und die Säure war nicht perfekt eingebunden. Die Spätlese und vor allem Auslese hingegen präsentierten sich deutlich frischer und bildeten für mich mit die Spitze in der jeweiligen Prädikatsstufe
.
Daneben gefiel mir der 2012 Jahrgang durch die Bank sehr gut. Die Weine hatten das bisschen mehr an Säure sowie Zug am Gaumen, das mir bei dem ein oder anderen Wein aus den vorherigen Jahrgängen etwas fehlte.

2011 wirkte durchweg schon deutlich reifer und auch breitschultriger wie die Kollegen, hatte aber einen sehr schönen Trinkfluss und ließ sich so schön wegsüffeln. Es fehlte mir persönlich aber die oben erwähnte Säure ein wenig.

Aus dem "Arschjahr" 2010 fiel mir der Kabinett positiv auf. Er war mehr von einer Mineralität und kräutriger Tee-Note geprägt als von der Frucht. Die Spät- und Auslese fanden sich in meinem Ranking im Mittelfeld wieder.

Ein Jahrgang, den ich selbst eher weniger auf dem Radar hatte wenn es sich um Riesling dreht, ist 2009. Die Spätlese, die Sona und sein Team in diesem Jahr auf die Flasche gezogen haben belehrten mich eines besseren. Ein Bomben-Wein, der mich ganz besonders durch seine Klarheit und unfassbar gute Struktur fesselte. Für mich die beste Spätlese an diesem Abend. Der Kabinett hingegen fiel ungewöhnlich reif und offen aus. Im Abgang fehlte mir hier die letzte Konsequenz.

Danach ging es in die „Bonus-Runde“ und das bedeutet an diesem Abend: Spätlese „R“, Auslese „R“ und Auslese „RR“. Die unheimlich raren Weine bilden die Speerspitze des Sortiments von Koehler-Ruprecht und kommen erst 4 (Spätlese) bzw. 6 Jahre (Auslese) nach der Ernte auf den Markt. Die Auslese „RR“ lagert gar 7 Jahre auf dem Weingut, bis sie in den Verkauf kommt.    

Für mich war hier nochmals sehr deutlich die Trennung von Spätlese (schlanker, eleganter, fast tänzelnd) und Auslese (dunkler, tiefer, komplexer) zu erkennen.
Die jüngsten Weine der Probe aus dieser Kategorie stammten aus dem Jahr 2012. 2013 wurden - wie 2010 - keine „R“ erzeugt. Sie werden 2016 bzw. 2018 in den Verkauf kommen und jeder Fan kann sich auf zwei ganz, ganz große Rieslinge freuen. Die Spätlese „R“ zeigte sich zwar noch sehr primärfruchtig, aber gleichzeitig unheimlich filigran und elegant. Am Gaumen sehr schlank und fast tänzelnd ohne den nötigen Druck vermissen zu lassen.

Die Auslese „R“ war für mich eigentlich der Wein des Abends. Unfassbar tief, dunkel, zurückgezogen, kräutrig, rauchig mit einer Power und Zug am Gaumen, die ihresgleichen suchen. Eine fast schon beißende Säure geht über in einen unfassbar langen Nachhall. Was für ein Wein. Das geht nicht besser, nur anders.

Die 2011er konnten da nicht ganz mithalten. Die Auslese präsentierte sich ausladender als sein Vorgänger, wirkte am Gaumen fast schon ein wenig rustikal. Was aber keinesfalls negativ gemeint ist. In der Nase Birne, Apfelsaft, etwas Lauch und eine ganz feine oxidative Note. Ein Wein, der mir ebenfalls gut gefiel, allerdings auf eine ganz andere Weise wie die 2012er.

Dann wurden die 2009er eingeschenkt, inklusive der 2009 Auslese „RR“. Andere Mitverkoster am Tisch waren Feuer und Flamme für die Weine. Für mich persönlich allerdings waren sie in einer eher verschlossenen Phase und ich konnte die wahre Größe nicht richtig greifen. Dass ein unheimliches Potential hinter diesen Gewächsen steckt, ist ohne Frage zu bejahen. Total weggeblasen haben sie mich allerdings nicht. Das will ich hier in aller Deutlichkeit auch sagen.

2008 war wieder offener mit sehr viel Substanz und Frische versehen. Ich konnte glücklicherweise noch eine Flasche der Auslese „R“ ergattern und bin gespannt, wohin der Weg des Weines noch führen wird.

Zum Abschluss gab es noch die zurecht als legendär bezeichnete Auslese „R“ aus dem Jahrgang 2004. Ich habe mir zu diesem Wein keine Notizen mehr gemacht, aber er war die nahezu perfekte Kombination aus Komplexität und Finesse. Ein Leuchtturm in Sachen trockener Riesling und so nicht replizierbar.

Ein großer Dank gilt den Medienagenten um Felix Eschenauer, die mich zu dieser großartigen Probe eingeladen haben sowie an Dominik Sona und seine Assistentin Franziska Schmitt für die Organisation der Probe und die Eröffnung der Möglichkeit, diese großartigen Weine alle verkosten zu können.  

Danke an Ralf Kaiser für die Bereitstellung der Fotos 


Montag, 29. Dezember 2014

HebeBühne - der Theater Blog - "Warum läuft Herr R. Amok?" - Münchner Kammerspiele


von Rainer Werner Fassbinder Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Newton, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Video: Ikenna Okegwo, Lena Newton, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Koen Tachelet Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Herbert Volz:, Erika Waltemath 

von Philipp Erik Breitenfeld
Warum läuft Herr R. Amok? Rainer Werner Fassbinders Eklat der Spießigkeit ist eigentlich schnell erklärt. Ohne drückende Dramatik in 3:28 Minuten. Man höre einfach nur Udo Jürgens Lied „Ich war noch niemals in New York“. Jürgens? Ja, der kürzlich verstorbene Entertainer riecht nicht nach intellektuellem Gesellschaftsdrama, sondern eher nach Rotkäppchen Sekt und Bausparvertrag. Doch ist er im Vergleich zu der Geschichte des Herren Raab, der ja bekanntlich Amok läuft, auf Augenhöhe. 

Der Akteur in Udo Jürgens Lied richtet sich und seine Frau trotz aller Tristesse nicht, was das Leiden innerhalb Spießbürgerschaft verlängert und damit eigentlich sehr viel mehr Qual als der Suizid verspricht! Jürgens ist der traurige Realist, der Kämpfer, Fassbinder ein Feigling! 

Und dann kommt die Regisseurin Susanne Kennedy und adaptiert Fassbinders Film auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Ein Experiment. Man mache die Kleinbürgerlichkeit noch kleiner, beengender und theatralisch klaustrophobischer. Man entwertet den Charakter, die Individualität. Die Schauspieler tragen Masken. Sie spielen ihre unausweichliche, fixierte Rolle. So werden die Schauspieler hinter den Masken des öffentlichen bornierten Lebens gewechselt, ohne an Pathos zu gewinnen. 

Kennedy quält den Zuschauer mit einer unheimlichen Lethargie und Langatmigkeit. Jeder Akteur tut, was man von ihm erwartet und scheitert. Beklemmende Leere eine Folge daraus. Und so wird aus kleinen Niederlagen des Alltags, ein Tsunami der Hoffnungslosigkeit. Gefangen in der Spießigkeit. Bewusst. Zur ausgelassenen Depression nicht fähig. Ob der Etikette.

Eines muss man dieser quälenden Inszenierung lassen. Sie beantwortet die Frage, warum Herr R. denn nun Amok läuft, mehr als eindringlich. 

Man erwischt sich bei dem Wunsch, dass Herr R. nun doch endlich Amok laufen solle, da die drückende, sich wie ein Kaugummi ziehende Hommage an die Leere des Bürgertums, den Zuschauer emotional und fordernd in den Abgrund des Herren R. zu ziehen vermag. 

Dabei sind einem die Orte, die Bereiche des Alltags, die Gespräche, die - wie Susanne Kennedy es ausdrückt - von Vorurteilen, Frustrationen und Klatsch geprägte Welt, nicht fremd. Keine Szene, wo man sich nicht selbst in der Retrospektive wiederfinden könnte. Sind wir demnach schon so abgestumpft, dass wir die beklemmende Leere verdrängen? Oder gibt es den „Wir“ Begriff gar nicht und die Parallelen entstehen aus purem Zufall? Selbstbetrug. „Ich war noch niemals in New York“. 

Kennedys Inszenierung lebt vor allem vom inneren Kampf des gequälten Zuschauers. Zwischen Verständnis, Wiedererkennungswert und Sehnsucht. Ein Mahnmal. Kein großes Theater. Ein gelungenes Experiment. Eine Installation.

Montag, 17. November 2014

Consigliere Dröfke über Barolo und eine Begegnung mit Giacomo Conterno – 1998 Barolo Cascina Francia

von Marc Kevin Döfke
König der piemonteser Weine. Eine sehr abgehobene Beschreibung könnte man meinen, wenn von einem der bekanntesten Weine Italiens die Rede ist. Dem Barolo. Der Name stammt eigentlich von der adeligen Luisa Falletti, Marquise von Barolo. Man erzählt, dass die Marquise eines Tages dem König Carlo Alberto von Savoyen 300 "carrà" (Transportfässer) Barolo schenkte, weil dieser den Wunsch geäußert hatte, von ihrem "neuen Wein" zu kosten. Ihm mundeten die Weine aus dem Haus Falletti offensichtlich derart, dass sowohl er als auch sein Sohn Vittorio Emanuele II (der erste König des vereinten Italiens) Weinstöcke und Ländereien in der Langhe kauften. 

So wurde der Barolo zum "Wein der Könige" und zum "König der Weine". Er wird zu 100% aus der Nebbiolo Traube gewonnen, die getrost als schwierig bezeichnet werden kann. In der Jugend präsentieren sich die Weine allzu oft sehr vom Tannin geprägt, verschlossen und wirken streng. Hinzu kommt noch die typischerweise hohe Säure, die Freunde von eher weichen Weinen abschreckt. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ein junger Barolo sich im jugendlichen Stadium eher wie eine arrogante Diva als eine einladende „Mama“ verhält. 

Gibt man ihm aber die Zeit, die er im Keller braucht, um sich entsprechend entfalten zu können, zählt er zu den besten Rotweinen der Welt. Das Tannin wird softer und es entwickelt sich in den besten Fällen eine unheimliche Duftigkeit, die oft an einen Mix aus getrocknete Rosenblätter, Trüffel und Teer erinnert. Die Winzer, die u.a. rund um Barolo (den Ort), La Morra und Castiglione Falletto ihre Reben bewirtschaften, können in zwei Lager eingeteilt werden. Auf der einen Seite die Erneuerer, wie beispielsweise Elio Altare, Roberto Voerzio, Fratelli Brovia und einige weitere, die Ende der 70ger / Anfang der 80ger Jahre anfingen, die alten, verkrusteten Strukturen aufzubrechen und das Gesicht des Barolos anzupassen. 

Ihre Arbeit im Weinberg unterscheidet sich dabei kaum von den traditionellen Produzenten. Im Keller hingegen weisen die Vorgehensweisen deutliche Unterschiede auf, z.B. eher kurze Maischestandzeiten. Silvia Altare (Tochter des oben genannten Elio Altare und mittlerweile zuständig für die Weinbereitung auf dem Weingut Altare) spricht bei ihren Barolis von über 5 Tagen. Im krassen Gegensatz dazu lässt man beim Traditionalisten Giuseppe Mascarello die Weine 25-26 Tage auf der Maische stehen. Der zuständige Weinmacher Mauro Mascarello meint, nur auf diese Art bekomme er die entsprechenden Geschmacksnuancen aus den Trauben und letztendlich in den Wein. Ein weiterer Produzent, der sich ganz den traditionellen Methoden verschrieben hat, ist Roberto Conterno, der mittlerweile in dritter Generation das Weingut seines Großvaters Giacomo Conterno führt. Die Weine besitzen zum Teil Legendenstatus. Der Monfortino, ein Riserva, zählt nicht umsonst zu den besten Weinen Italiens. 

Ich hatte schon das Glück, ein gereiftes Exemplar dieses Barolos trinken zu dürfen und das Erlebnis gehört zweifelsohne zu meinen bisher schönsten Weinmomenten. Heute soll es sich aber um seinen „einfachen“ Barolo, der auf den Namen Cascina Francia hört, drehen. Die Trauben stammen, wie der Name schon verrät, aus der Lage Francia die zwischen Serralunga und Roddino angesiedelt ist. Der Cascina Francia wird wie der Monfortino sehr traditionell erzeugt. Er liegt zwar nicht bis zu 7 (!) Jahren im großen Holzfass wie der Bruder, aber drei Jahre lässt Conterno ihm Zeit. Unfiltriert abgefüllt kommt der Wein dann in den Verkauf. Im Zuge einer Blindprobe habe ich mir eine Flasche aus dem Jahrgang 1998 besorgt und meinen Mitverkostern vorgesetzt. Und trotz seiner bereits beachtlichen 16 Jahren auf dem Buckel, wirkt der Wein auch nach 6 Stunden im Dekanter nahezu zugenagelt. 

Die Farbe ist für einen Barolo ungewöhnlich dunkel. Das Nasenbild fällt momentan etwas eindimensional aus. Eine sehr starke balsamische Note wird begleitet durch eine dunkle, strenge Kirschfrucht, etwas Menthol, getrocknete Kräuter und einer erdigen Komponente. Alles wirkt zurückgenommen und zum aktuellen Zeitpunkt einfach verschlossen. Am Gaumen ist der Wein noch sehr jugendlich. Heftiges Tannin trifft auf eine hohe Säure, typisch für einen jungen Barolo. Der Stoff wirkt keinesfalls überzogen, sondern eher elegant trotz der hohen Konzentration und der massiven Struktur. Die einzelnen Komponenten sind glasklar erkennbar und brauchen einfach Zeit, um sich zu finden und miteinander zu verschmelzen. 

Ein Wein, den man vielleicht in 5-10 Jahren wieder anfassen sollte. Natürlich lässt sich das nicht auf alle Barolis übertragen. Ich denke, es gibt genügend aus dem 98ger Jahrgang, die jetzt trinkreif sind und zu einem guten Essen genossen werden können.


Freitag, 14. November 2014

Consigliere Dröfke über Verkostungslyrik oder Domaine Bartheau – 2002 Chambolle-Musigny 1er Cru „Les Amoureuses“

von Marc Dröfke
Bei Weinbeschreibungen ist es immer so eine Sache, den richtigen Ton zu treffen. Wie man es übertreiben kann, habe ich vor kurzem eindrucksvoll an einem Beispiel gesehen, das der von mir geschätzte Marcus Hofschuster, Verantwortlicher für die Verkostungen bei Wein-Plus, auf seiner privaten Facebook-Page veröffentlichte. 

Darin hieß es wie folgt: 
"In kolossale Schwärze gehüllt, entfaltet der dominant dunkelbeerige, überragend floralaromatische Pauillac ein Bouquet von atemberaubender sensorischer Schönheit, in dem die reichhaltigen Fruchtnuancen perfekt eingebunden sind in einem Ensemble aus mineralischem Grundton, feiner Kräuterwürze und verblüffender Erdigkeit. Mit erhabenem Druck, im Stil aristokratischer Beiläufigkeit, mit dem Wissen um das richtige Maß, gleitet der imposant konzentrierte, dabei aber ästhetisch äußerst wohlproportionierte, in ein Tanningewand von erhabenster Finesse, quasi von der ersten Adresse der Gerbstoff-Haute-Couture, gefaßte Rebensaft den Gaumen aus und gewinnt alle Aufmerksamkeit fast beiläufig im Sinne magnetischer Magie. 

Mit der Reinheit eines Gebirgsbachs setzt die tief gegründete Cabernet-Frucht Médoc-Maßstäbe, der Gaumenauftritt erinnert in seiner Stilsicherheit an die ikonenhafte Grace Kelly, in einem großen Spannungsbogen von hoher innerer Vibranz, der seine Grundschwingung aus der schier unglaublichen Komplexität des in Süße kulminierenden Extrakts erfährt und der seinen Rhythmus aus der Euphonie der Taktgeber zieht, gleitet dieser vor Frische strotzende, eminent elegante und Geduld fordernde Schwergewichtler in ein Finale von epischer Länge, von dem der Verkoster noch immer schwärmt.

Hofschuster merkte absolut richtig an, dass so eine derart ins lyrische abdriftende Beschreibung im Endeffekt wohl eher abschreckt als dass sie einlädt. Das kann man ohne Umschweife so unterschreiben, sind solche Floskeln doch sehr hochgestochen, schwulstig formuliert und suggerieren dem Weinlaien, dass er ohnehin nichts von der Materie versteht. Von Verfassers solcher Beschreibungen wie der obigen kann man sich nur einen Schritt zu mehr Einfachheit und weniger Lyrik wünschen. Weinbeschreibungen sind etwas sehr subjektives, nimmt jeder Mensch einen Wein doch anders war. 

Deshalb gibt es für mich auch nicht die eine richtige Weinbeschreibung, denn was der eine Trunkenbold riecht muss der nächste nicht zwangsläufig ebenso wahrnehmen. Jeder Verkoster/Kritiker/Blogger/Weinfreak hat eine ganz eigene Aromapalette zur Verfügung, die er im Laufe seines Trinker,- und auch Esserlebens entsprechend entwickelt, bestenfalls immer wieder geschult hat und derer er sich dann entsprechend bedienen kann. Dabei springen gewisse Aromen den einen nur so an, bleiben beim nächsten aber nur im Hintergrund. 

Bei sagen wir einmal „einfachen“ Weinen sind gewisse Noten oft vordergründig, so dass man sich meist recht schnell einen Überblick verschaffen kann. Wird der Wein aber komplexer, und die besten Exemplare haben das meist und Gott sei Dank so an sich, umso schwieriger wird es ihn in seine Einzelteile zu zerlegen, zu verstehen und dann auch noch ansprechend zu beschreiben. 

Jeder löst das auf eine andere Art und Weise. Natürlich ist es absolut legitim, mal abzuschweifen und etwas ausufernder zu werden. Auch mir passiert das, vor allem wenn der Wein einen wirklich greift und überzeugt. Dennoch muss man immer auch auf dem Boden der Tatsachen bleiben und dies ist im obigen Beispiel kräftig misslungen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob ein einfaches „lecker“ bzw. „schmeckt mir“ die Quintessenz der Weinbeschreibung sein darf. 

Jetzt aber genug geschwafelt! Den heutigen Wein könnte ich mit einem einzigen Wort recht gut beschreiben: Sexappeal. Noch nie hatte ich einen ähnlich betörenden Wein im Glas, der mir dermaßen den Kopf verdreht hat. Und welche Region in Frankreich steht für solch elegante, sexy Weine? Natürlich, das Burgund. 

Allerdings gibt es auch im Burgund bestimmte Lagen, die zu einer feminineren, weicheren Ausprägung tendieren als andere. Dazu gehören mit Sicherheit die Weine aus Chambolle. Die Gewächse sind feiner und leichter als ihre Pendants aus beispielsweise Nuits Saint Georges.

In Chambolle, und ausschließlich dort, besitzt Francois Bertheau einige Parzellen mit bestem Rebenmaterial. Neben der sehr bekannten Lage „Les Charmes“ bewirtschaftet er u.a. auch noch eine relative kleine Parzelle in der vielleicht besten Premiere Cru Lage in Chambolle, die sich „Amoureuses“ nennt. Im Zuge einer Best Bottle Probe hatte ich kürzlich das Glück, diesen Wein probieren zu können. 

Im Glas dreht ein recht heller, erdbeerroter Wein mit wässrigem Rand seine Runden. Die Nase ist unfassbar betörend. Erdbeere, Weichsel, Veilchen gepaart mit einer wunderschönen rauchigen Note von frisch angeräuchertem Fleisch, leicht nasser Waldboden und einem Hauch von Amarena Likör. Alles unterlegt mit einer dezenten, niemals aufdringlichen Süße. Am Gaumen hat der Wein genau das, was für mich einen Stoff mit Größe immer ausmacht: 

Er hat Gewicht ohne schwer zu wirken. Wirkt unglaublich saftig und reichhaltig aber gleichzeitig elegant und tänzelnd. Durch eine fast schon vibrierende, sehr gut eingebundene Säure wirkt der Wein super frisch. 

Das lange Finale rundet das gelungene Bild dieses Weines ab, der für mich definitiv zu den Highlights meines bisherigen Trinkerjahres zählt. Ein Referenzwein in Sachen Sexappeal. Dem ist nichts hinzuzufügen.


Donnerstag, 25. September 2014

Retrospektive, Große Gewächse Jahrgang 2004 10 Jahre danach!

(c) Markus Budai
von Marc Dröfke
Momentan sind die Großen Gewächse in aller Munde. Wie jedes Jahr wurden die vermeintlich besten Rieslinge der deutschen Winzer Ende August in einer großen Verkostung in Wiesbaden vorgestellt. Zu probieren gab es rund 500 Weine für 120 Weinhändler und Weinschreiber. Ich selbst war nicht dabei und kann so auch kein Urteil über die Qualität des aktuellen Jahrganges 2013 abgeben. Allerdings konnte man lesen, dass 2013 kein einfaches Jahr war. Nur Winzer,  die äußerst penibel aussortiert haben und nur das gesündeste Traubenmaterial in ihre Weine fließen ließen, konnten qualitativ überzeugen. 

Wer mehr über den neusten Jahrgang erfahren möchte, dem lege ich die Berichte von Dirk Würtz, Christoph Raffelt oder des Schnutentunkers a.k.a Felix Bodmann ans Herz.

Allerdings sind dies, wie immer, nur Momentaufnahmen. Jeder Laie mit einem unterdurchschnittlichen Verständnis für Wein weiß, dass sich vergorener Rebensaft über die Jahre hin verändert. Manchmal zum Guten, manchmal leider auch zum Schlechten. Es werden Prognosen abgegeben, verworfen und nachkorrigiert. Denn wie so oft beim Wein gilt auch hier der Satz: Die Zeit wird es zeigen.

Nur wann? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um eine solche Flasche zu öffnen? 5 Jahre? 10 Jahre? Meist wird nicht lang genug gewartet, der Wein zu früh getrunken. Potential? Ja, das ist da. Jede Menge sogar, aber der Wein braucht noch Zeit. Natürlich ist das von Jahrgang zu Jahrgang ganz unterschiedlich. Einen Wein auf den Punkt zu erwischen, an dem er alle seine Facetten präsentiert und der einen dann einfach nur vom Stuhl haut, ist schwierig.

Umso gespannter war ich, als ich zu einer Probe mit Großen Gewächsen aus dem Jahrgang 2004 eingeladen wurde. Rieslinge aus dieser Kategorie mit einer gewissen Reife habe ich noch nicht so häufig erleben dürfen. Außerdem gilt der Jahrgang 2004 als besonders gut, nahezu herausragend.

Das Jahr an sich verlief im Gegensatz zum vorherigen „Hitzejahr“ 2003 eher unspektakulär. Die Temperaturen blieben im Rahmen und die Zuckerwerte galoppierten nicht davon. So konnte man erst relativ spät zur Lese schreiten - wir sprechen hier von Ende Oktober, manchmal sogar Mitte November.

Philipp Wittmann schrieb mir auf Anfrage: „Geerntet wurde erst Anfang November, es gab nur gesunde Trauben und es war wichtig, sie für eine reife Aromatik möglichst lange hängen zu lassen.“ Er hält den 2004er Jahrgang für spannend, verbindet eine gewisse „Kühle“ der Frucht mit einer relativ hohen Traubenreife. Ihm persönlich sei der Jahrgang allerdings in der Tendenz ein wenig zu fett. Heute würde wohl, u.a. dem Zeitgeist geschuldet, leichtfüßiger und etwas trockener vinifiziert.

Wobei allgemein gesprochen der Anteil von Boytritis in den Großen Gewächsen nahezu überall auf ein Minimum reduziert oder gar ausgeschlossen werden konnte. Dies hat sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Qualität und die Entwicklung der Weine ausgeübt.

Wir tranken acht Weine, sechs aus dem Jahr 2004, fünf davon von deutschen Produzenten, einen von einem Weingut aus dem Elsass. Dazu kamen zum Vergleich zwei Weine aus 2005, einer deutsch der andere  französisch.

(c) Markus Budai

Flight 1: Peter Jakob Kühn – Oestrich Doosberg Riesling trocken 2004 vs. Trimbach – Riesling Cuvée Frédéric Emile 2004
Der Doosberg von Kühn war der einzige Wein der Probe, der seinen Zenit bereits deutlich überschritten hat. Die fahle dunkelgoldene Farbe deutete es schon an. In der Nase ebenfalls sehr weit. Kandierte, überreife Aprikose, viel Honig, Schwarztee, leicht apfelschalig sowie etwas Pumpernickel habe ich mir notiert. Am Gaumen sehr säurearm, flach und ohne den nötigen Druck am Gaumen. Erinnerte im Abgang etwas an Matetee.

Dagegen war das Cuvée Frédéric Emile von Trimbach, das aus den beiden Grand-Cru Lagen Geisberg und Osterberg gekeltert wird, schon eine ganz andere Nummer. Der Wein dreht hellgolden im Glas, zeigt aber noch sehr jugendliche, leicht grünliche Reflexe. Auch das Nasenbild präsentiert sich noch sehr jugendlich und leicht verschlossen. Ein wenig Mango, Zitronenzeste, Aloe Vera und eine Plastiktüte. Alles sehr fein und zurückgezogen. Braucht noch etwas um seine volle Größe zeigen zu können. Am Gaumen hingegen ging ordentlich die Post ab. 

Eine nach dem Doosberg geradezu erfrischende Säure, Zug und Spannung sind ebenfalls da. Sehr straight und ohne viel Verschnörkelungen. Eine schöne salzige Note schwingt nach dem Schlucken nach. Sehr gut und mit, wie oben schon erwähnt, noch deutlich Potential für lockere zehn Jahre.  (91+)

Flight 2: Emrich Schönleber – Riesling Halenberg „Lay“  GG Verst. 2004 vs. Dönnhoff – Hermannshöhle GG Riesling 2004

Dann folgte das Duell der Nahe Traditionalisten. Beiden Betrieben kann man eine hohe Verlässlichkeit attestieren, wenn wir von qualitativ hochwertig gemachtem Wein reden. Sie gehören schon seit Jahren zur absoluten Spitze, wenn es um deutschen Riesling geht.

Emrich Schönleber präsentierte mit seinem Versteigerungswein „Lay“, der aus dem Hallenberg stammt, den für mich zweitbesten Wein des Abends. Im Glas präsentiert sich der Stoff in einem abgefahrenen Neongelb mit grünen Einschlüssen. In der Nase ein Mix aus Aprikose und gelber Steinfrucht, die an Mirabelle erinnert. Dazu gesellt sich eine rauchige Note sowie eine ganz, ganz leichte Petrol Note, die aber nicht störend wirkt. 

Mit mehr Zeit im Glas wird es immer komplexer und „dunkler“. Am Gaumen zeigt der Wein eine hohe Konzentration und eine unglaubliche Tiefe bei einem mittleren Körper. Ich finde wieder Steinobst und eine starke salzige Komponente. Das Finish fällt lang aus. Ein sehr expressiver Wein, der für mich an seinem Höhepunkt angekommen ist. Er wird wohl nicht mehr besser werden. Wer ihn noch im Keller hat, für den ist jetzt ist der perfekte Zeitpunkt zum trinken. (94/95)

Dagegen hatte es die Hermannshöhle nicht leicht, vor allem weil sie sich bei weitem nicht so extrovertiert zeigte wie der Halenberg. Intensive hellgoldene Farbe.  Die Nase zeigt sich sehr zurückgenommen und schlank. Es scheint wenig Frucht durch, nur ganz leicht etwas Zitrone und frischer weißer Pfirsich. Hinzu kommt eine schöne karge, steinige Note. 

Am Gaumen ist der Wein viel schlanker und sehniger als der Schönleber, der mit deutlich mehr „Fleisch“ ausgestattet ist. Die Hermannshöhle tänzelt mehr, ist sehr elegant wie eine Prima Ballerina. Dabei ist alles sehr gut ineinander verwoben. 

Die einzelnen Details sind nicht sofort greifbar. Man muss sich auf den Wein einlassen und ihn genau erkunden. Dieser Stoff hat enormes Potential und ist bei weitem noch nicht am Höhepunkt seiner Schaffensphase angekommen. Er braucht Zeit und Aufmerksamkeit, um seine Stärken ausspielen zu können. (93+)

Flight 3: Keller – Hubacker GG 2004 vs. Wittmann – Westhofener Morstein GG 2004

Dann der Schwenk in Richtung Rheinhessen. Mit Keller und Wittmann hatten wir zwei Protagonisten am Start, die mit ihren Weinen auch international schon einiges an Aufmerksamkeit einheimsen konnten. Vor allem die Weine von Klaus-Peter Keller sind sehr gefragt und stehen preislich am oberen Ende, wenn wir von Großen Gewächsen reden. Bisher konnten mich die Weine von K.P. Keller noch nicht wirklich überzeugen. Was ich bisher getrunken habe, war mir oft zu mastig und zu süß. 

Umso gespannter war ich auf den Hubacker. Der stilistische Unterschied zur Nahe ist frappierend. Die Weine aus Rheinhessen haben deutlich breitere Schultern und wirken in ihrem ganzen Auftreten deutlich massiger als die Kollegen von Schönleber und Dönnhoff.

Kellers Wein wirkt schon in der Farbe noch relativ jung. Mit einem intensiven Hellgold inklusiver leicht grünlicher Reflexe dreht er im Glas seine Runde. Die Nase zeigt unreifen Pfirsich, gelbe Steinfrucht, etwas Grapefruit sowie Plastik unterlegt mit einer schönen Rauchigkeit, die ich so bei noch keinem Keller Wein finden konnte. 

Am Gaumen ist der Wein sehr ausfüllend und mit Abstand der mit den breitesten Schultern in der gesamten Verkostung. Unglaubliche Saftigkeit, gepaart mit einer schönen Salznote und ordentlich Zug am Mittelgaumen, charakterisieren diesen Hubacker. Er hat von allen Weinen im gesamten Tasting die mit Abstand am deutlichsten hervortretende Phenolik. Die Säure hält alles in einer wirklich schönen Balance. Was ich sonst immer als zu mastig und zu dick wirkend kritisiert habe, macht sie hier wett. Ein Top-Wein, den ich noch mit deutlichem Potential für weitere 10-15 Jahre sehe. Sollte noch besser werden. Den Stil, den ich persönlich bevorzuge, finde ich in diesem Stoff zwar weniger, dies soll der qualitativen Hochwertigkeit dieses Produkts aber keinen Abbruch tun. (93+)

Und dann kam er, der Wein, auf den ich ehrlich gesagt am meisten gespannt war. Von dem viele sagen, dieser Jahrgang sei es gewesen, der Wittmann so richtig an die Spitze katapultiert hat. Der Westhofener Morstein . Ich glaube, man kann hier bereits von einer Art „Legende“ sprechen.

Er liegt mit einer etwas dunkleren (wie der Hubacker), trotzdem noch recht hellen und sehr klaren Farbe im Glas. Das Nasenbild zeigt sich für mich wunderschön rund und harmonisch gereift. Nussige Töne wie Mandel treffen auf Vanille, Mirabelle, kalten Rauch und ganz wenig Tiroler Speck. Mit etwas mehr Zeit im Glas kommen noch vegetabile Noten hinzu. Eine sehr feine Nase. Am Gaumen ist der Wein nicht so kräftig und saftig wie der Hubacker. 

Der Morstein ist der „noblere“, geschmeidigere der beiden. Dagegen wirkt der Keller Wein fast ein wenig rustikal/bäuerlich. Er lebt  von seiner nahezu perfekten Balance zwischen Power und Zug am Gaumen, sehr gut eingebundener Säure und einer schwer greifbaren Eleganz, obwohl der Wein schon maskulin daher kommt. Im langen Finish fällt eine sehr schöne, leichte Bitternote auf, die das Bild des Morsteins abrundet. Für mich ein sehr kompletter Wein ohne wesentlichen Kritikpunkt. Ich denke nicht, dass er zukünftig noch zulegen wird. In den nächsten Jahrgen trinken lautet die Devise. (94)

Flight 4: Zind Humbrecht – Clos Windsbuhl 2005 vs. Georg Breuer – Berg Schlossberg GG 2005

Dann waren wir durch mit den 2004ern. Es folgten zwei Weine aus dem Jahrgang 2005 zum Abschluss. Zunächst der Clos Windsbuhl aus dem Elsass vom Produzenten Zind Humbrecht. Ein Wein, der schon sehr weit in seiner Entwicklung ist. Schon die Farbe geht eher in die dunkelgoldene Richtung. In der Nase dominieren Aromen von Tabak, kandierte Aprikose, Toast, Honig und eine leicht oxidative Note.

Am Gaumen ist der Wein sehr opulent. Die niedrige Säure verschlimmert diesen Eindruck für meine Begriffe nur noch zusätzlich. Solo ist mir dieser Wein eindeutig zu dick. Maximal ein Glas kann ich davon einfach so trinken. Später, zum Käse, machte er eine bessere Figur. Trotzdem, nicht mein Wein. (90)

Bekanntlich kommt das Beste ganz zum Schluss und im Falle des Berg Schlossberg vom Weingut Georg Breuer trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Der beste Riesling den ich in meinem bisherigen „Trinkerleben“ probieren durfte.

Immer noch sehr jugendliche, intensive, satte Farbe, die ich als leicht neongelb bezeichnen würde. 

Die Nase ist einfach nur der Abschuss. Müsste ich nur sie bewerten, wäre ich hier bei 98/99 Punkten. Unfassbare Komplexität, dabei aber so leicht und tänzelnd. Zunächst sehr fruchtig, exotisch mit Aromen von Mango, Papaya und etwas Maracuja. Dann wechselt das Nasenbild zunehmend in Richtung Kräuterbusch mit Melisse, Rosmarin und etwas weißem Pfeffer. Dazu gesellen sich frisch aufgeschnittener weißer Pfirsich und eine Komponente, die an KiBa (Kirsch-Bananensaft) erinnert. Alles ist sehr geheimnisvoll und verführerisch und kommt so rüber, als ob der Wein noch nicht alles von sich preisgeben will. Dieser ständige Wechsel und immer neue Aromen machen die Nase für mich nahezu perfekt. 


Am Gaumen kann der Wein dann nicht ganz das Bild der Nase halten. Ein Stoff mit mittlerem bis vollem Körper. Säure ist da, es fehlt mir persönlich aber etwas die Lebendigkeit, um den Wein ganz oben zu positionieren. Zug und Spannung verbinden sich mit einer schönen Rauchigkeit. Hinten raus im langen Finish fehlt vielleicht ein wenig der letzte Biss und Nachdruck. Aber das ist meckern auf ganz hohem Niveau.


Ein fast perfekter Riesling, großes Kino und der Gewinner dieser Verkostung. Wird sich meiner Meinung nach auf diesem Niveau noch ein Weilchen halten, wird aber nicht mehr besser. (96)

Eine wunderbare Probe, die zeigt, dass der 2004er Jahrgang in der absoluten Spitze in jedem Fall Weine mit extrem hohen Niveau hervorgebracht hat, die sich auch nach 10 Jahren Flaschenreife keineswegs müde (bis auf einen) präsentieren.

Wen die Einschätzungen meiner Mitverkoster interessiert, der sollte sich die Berichte von Markus Budai und Christoph Strauss nicht entgehen lassen.