Montag, 17. November 2014

Consigliere Dröfke über Barolo und eine Begegnung mit Giacomo Conterno – 1998 Barolo Cascina Francia

von Marc Kevin Döfke
König der piemonteser Weine. Eine sehr abgehobene Beschreibung könnte man meinen, wenn von einem der bekanntesten Weine Italiens die Rede ist. Dem Barolo. Der Name stammt eigentlich von der adeligen Luisa Falletti, Marquise von Barolo. Man erzählt, dass die Marquise eines Tages dem König Carlo Alberto von Savoyen 300 "carrà" (Transportfässer) Barolo schenkte, weil dieser den Wunsch geäußert hatte, von ihrem "neuen Wein" zu kosten. Ihm mundeten die Weine aus dem Haus Falletti offensichtlich derart, dass sowohl er als auch sein Sohn Vittorio Emanuele II (der erste König des vereinten Italiens) Weinstöcke und Ländereien in der Langhe kauften. 

So wurde der Barolo zum "Wein der Könige" und zum "König der Weine". Er wird zu 100% aus der Nebbiolo Traube gewonnen, die getrost als schwierig bezeichnet werden kann. In der Jugend präsentieren sich die Weine allzu oft sehr vom Tannin geprägt, verschlossen und wirken streng. Hinzu kommt noch die typischerweise hohe Säure, die Freunde von eher weichen Weinen abschreckt. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass ein junger Barolo sich im jugendlichen Stadium eher wie eine arrogante Diva als eine einladende „Mama“ verhält. 

Gibt man ihm aber die Zeit, die er im Keller braucht, um sich entsprechend entfalten zu können, zählt er zu den besten Rotweinen der Welt. Das Tannin wird softer und es entwickelt sich in den besten Fällen eine unheimliche Duftigkeit, die oft an einen Mix aus getrocknete Rosenblätter, Trüffel und Teer erinnert. Die Winzer, die u.a. rund um Barolo (den Ort), La Morra und Castiglione Falletto ihre Reben bewirtschaften, können in zwei Lager eingeteilt werden. Auf der einen Seite die Erneuerer, wie beispielsweise Elio Altare, Roberto Voerzio, Fratelli Brovia und einige weitere, die Ende der 70ger / Anfang der 80ger Jahre anfingen, die alten, verkrusteten Strukturen aufzubrechen und das Gesicht des Barolos anzupassen. 

Ihre Arbeit im Weinberg unterscheidet sich dabei kaum von den traditionellen Produzenten. Im Keller hingegen weisen die Vorgehensweisen deutliche Unterschiede auf, z.B. eher kurze Maischestandzeiten. Silvia Altare (Tochter des oben genannten Elio Altare und mittlerweile zuständig für die Weinbereitung auf dem Weingut Altare) spricht bei ihren Barolis von über 5 Tagen. Im krassen Gegensatz dazu lässt man beim Traditionalisten Giuseppe Mascarello die Weine 25-26 Tage auf der Maische stehen. Der zuständige Weinmacher Mauro Mascarello meint, nur auf diese Art bekomme er die entsprechenden Geschmacksnuancen aus den Trauben und letztendlich in den Wein. Ein weiterer Produzent, der sich ganz den traditionellen Methoden verschrieben hat, ist Roberto Conterno, der mittlerweile in dritter Generation das Weingut seines Großvaters Giacomo Conterno führt. Die Weine besitzen zum Teil Legendenstatus. Der Monfortino, ein Riserva, zählt nicht umsonst zu den besten Weinen Italiens. 

Ich hatte schon das Glück, ein gereiftes Exemplar dieses Barolos trinken zu dürfen und das Erlebnis gehört zweifelsohne zu meinen bisher schönsten Weinmomenten. Heute soll es sich aber um seinen „einfachen“ Barolo, der auf den Namen Cascina Francia hört, drehen. Die Trauben stammen, wie der Name schon verrät, aus der Lage Francia die zwischen Serralunga und Roddino angesiedelt ist. Der Cascina Francia wird wie der Monfortino sehr traditionell erzeugt. Er liegt zwar nicht bis zu 7 (!) Jahren im großen Holzfass wie der Bruder, aber drei Jahre lässt Conterno ihm Zeit. Unfiltriert abgefüllt kommt der Wein dann in den Verkauf. Im Zuge einer Blindprobe habe ich mir eine Flasche aus dem Jahrgang 1998 besorgt und meinen Mitverkostern vorgesetzt. Und trotz seiner bereits beachtlichen 16 Jahren auf dem Buckel, wirkt der Wein auch nach 6 Stunden im Dekanter nahezu zugenagelt. 

Die Farbe ist für einen Barolo ungewöhnlich dunkel. Das Nasenbild fällt momentan etwas eindimensional aus. Eine sehr starke balsamische Note wird begleitet durch eine dunkle, strenge Kirschfrucht, etwas Menthol, getrocknete Kräuter und einer erdigen Komponente. Alles wirkt zurückgenommen und zum aktuellen Zeitpunkt einfach verschlossen. Am Gaumen ist der Wein noch sehr jugendlich. Heftiges Tannin trifft auf eine hohe Säure, typisch für einen jungen Barolo. Der Stoff wirkt keinesfalls überzogen, sondern eher elegant trotz der hohen Konzentration und der massiven Struktur. Die einzelnen Komponenten sind glasklar erkennbar und brauchen einfach Zeit, um sich zu finden und miteinander zu verschmelzen. 

Ein Wein, den man vielleicht in 5-10 Jahren wieder anfassen sollte. Natürlich lässt sich das nicht auf alle Barolis übertragen. Ich denke, es gibt genügend aus dem 98ger Jahrgang, die jetzt trinkreif sind und zu einem guten Essen genossen werden können.


Freitag, 14. November 2014

Consigliere Dröfke über Verkostungslyrik oder Domaine Bartheau – 2002 Chambolle-Musigny 1er Cru „Les Amoureuses“

von Marc Dröfke
Bei Weinbeschreibungen ist es immer so eine Sache, den richtigen Ton zu treffen. Wie man es übertreiben kann, habe ich vor kurzem eindrucksvoll an einem Beispiel gesehen, das der von mir geschätzte Marcus Hofschuster, Verantwortlicher für die Verkostungen bei Wein-Plus, auf seiner privaten Facebook-Page veröffentlichte. 

Darin hieß es wie folgt: 
"In kolossale Schwärze gehüllt, entfaltet der dominant dunkelbeerige, überragend floralaromatische Pauillac ein Bouquet von atemberaubender sensorischer Schönheit, in dem die reichhaltigen Fruchtnuancen perfekt eingebunden sind in einem Ensemble aus mineralischem Grundton, feiner Kräuterwürze und verblüffender Erdigkeit. Mit erhabenem Druck, im Stil aristokratischer Beiläufigkeit, mit dem Wissen um das richtige Maß, gleitet der imposant konzentrierte, dabei aber ästhetisch äußerst wohlproportionierte, in ein Tanningewand von erhabenster Finesse, quasi von der ersten Adresse der Gerbstoff-Haute-Couture, gefaßte Rebensaft den Gaumen aus und gewinnt alle Aufmerksamkeit fast beiläufig im Sinne magnetischer Magie. 

Mit der Reinheit eines Gebirgsbachs setzt die tief gegründete Cabernet-Frucht Médoc-Maßstäbe, der Gaumenauftritt erinnert in seiner Stilsicherheit an die ikonenhafte Grace Kelly, in einem großen Spannungsbogen von hoher innerer Vibranz, der seine Grundschwingung aus der schier unglaublichen Komplexität des in Süße kulminierenden Extrakts erfährt und der seinen Rhythmus aus der Euphonie der Taktgeber zieht, gleitet dieser vor Frische strotzende, eminent elegante und Geduld fordernde Schwergewichtler in ein Finale von epischer Länge, von dem der Verkoster noch immer schwärmt.

Hofschuster merkte absolut richtig an, dass so eine derart ins lyrische abdriftende Beschreibung im Endeffekt wohl eher abschreckt als dass sie einlädt. Das kann man ohne Umschweife so unterschreiben, sind solche Floskeln doch sehr hochgestochen, schwulstig formuliert und suggerieren dem Weinlaien, dass er ohnehin nichts von der Materie versteht. Von Verfassers solcher Beschreibungen wie der obigen kann man sich nur einen Schritt zu mehr Einfachheit und weniger Lyrik wünschen. Weinbeschreibungen sind etwas sehr subjektives, nimmt jeder Mensch einen Wein doch anders war. 

Deshalb gibt es für mich auch nicht die eine richtige Weinbeschreibung, denn was der eine Trunkenbold riecht muss der nächste nicht zwangsläufig ebenso wahrnehmen. Jeder Verkoster/Kritiker/Blogger/Weinfreak hat eine ganz eigene Aromapalette zur Verfügung, die er im Laufe seines Trinker,- und auch Esserlebens entsprechend entwickelt, bestenfalls immer wieder geschult hat und derer er sich dann entsprechend bedienen kann. Dabei springen gewisse Aromen den einen nur so an, bleiben beim nächsten aber nur im Hintergrund. 

Bei sagen wir einmal „einfachen“ Weinen sind gewisse Noten oft vordergründig, so dass man sich meist recht schnell einen Überblick verschaffen kann. Wird der Wein aber komplexer, und die besten Exemplare haben das meist und Gott sei Dank so an sich, umso schwieriger wird es ihn in seine Einzelteile zu zerlegen, zu verstehen und dann auch noch ansprechend zu beschreiben. 

Jeder löst das auf eine andere Art und Weise. Natürlich ist es absolut legitim, mal abzuschweifen und etwas ausufernder zu werden. Auch mir passiert das, vor allem wenn der Wein einen wirklich greift und überzeugt. Dennoch muss man immer auch auf dem Boden der Tatsachen bleiben und dies ist im obigen Beispiel kräftig misslungen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob ein einfaches „lecker“ bzw. „schmeckt mir“ die Quintessenz der Weinbeschreibung sein darf. 

Jetzt aber genug geschwafelt! Den heutigen Wein könnte ich mit einem einzigen Wort recht gut beschreiben: Sexappeal. Noch nie hatte ich einen ähnlich betörenden Wein im Glas, der mir dermaßen den Kopf verdreht hat. Und welche Region in Frankreich steht für solch elegante, sexy Weine? Natürlich, das Burgund. 

Allerdings gibt es auch im Burgund bestimmte Lagen, die zu einer feminineren, weicheren Ausprägung tendieren als andere. Dazu gehören mit Sicherheit die Weine aus Chambolle. Die Gewächse sind feiner und leichter als ihre Pendants aus beispielsweise Nuits Saint Georges.

In Chambolle, und ausschließlich dort, besitzt Francois Bertheau einige Parzellen mit bestem Rebenmaterial. Neben der sehr bekannten Lage „Les Charmes“ bewirtschaftet er u.a. auch noch eine relative kleine Parzelle in der vielleicht besten Premiere Cru Lage in Chambolle, die sich „Amoureuses“ nennt. Im Zuge einer Best Bottle Probe hatte ich kürzlich das Glück, diesen Wein probieren zu können. 

Im Glas dreht ein recht heller, erdbeerroter Wein mit wässrigem Rand seine Runden. Die Nase ist unfassbar betörend. Erdbeere, Weichsel, Veilchen gepaart mit einer wunderschönen rauchigen Note von frisch angeräuchertem Fleisch, leicht nasser Waldboden und einem Hauch von Amarena Likör. Alles unterlegt mit einer dezenten, niemals aufdringlichen Süße. Am Gaumen hat der Wein genau das, was für mich einen Stoff mit Größe immer ausmacht: 

Er hat Gewicht ohne schwer zu wirken. Wirkt unglaublich saftig und reichhaltig aber gleichzeitig elegant und tänzelnd. Durch eine fast schon vibrierende, sehr gut eingebundene Säure wirkt der Wein super frisch. 

Das lange Finale rundet das gelungene Bild dieses Weines ab, der für mich definitiv zu den Highlights meines bisherigen Trinkerjahres zählt. Ein Referenzwein in Sachen Sexappeal. Dem ist nichts hinzuzufügen.


Donnerstag, 25. September 2014

Retrospektive, Große Gewächse Jahrgang 2004 10 Jahre danach!

(c) Markus Budai
von Marc Dröfke
Momentan sind die Großen Gewächse in aller Munde. Wie jedes Jahr wurden die vermeintlich besten Rieslinge der deutschen Winzer Ende August in einer großen Verkostung in Wiesbaden vorgestellt. Zu probieren gab es rund 500 Weine für 120 Weinhändler und Weinschreiber. Ich selbst war nicht dabei und kann so auch kein Urteil über die Qualität des aktuellen Jahrganges 2013 abgeben. Allerdings konnte man lesen, dass 2013 kein einfaches Jahr war. Nur Winzer,  die äußerst penibel aussortiert haben und nur das gesündeste Traubenmaterial in ihre Weine fließen ließen, konnten qualitativ überzeugen. 

Wer mehr über den neusten Jahrgang erfahren möchte, dem lege ich die Berichte von Dirk Würtz, Christoph Raffelt oder des Schnutentunkers a.k.a Felix Bodmann ans Herz.

Allerdings sind dies, wie immer, nur Momentaufnahmen. Jeder Laie mit einem unterdurchschnittlichen Verständnis für Wein weiß, dass sich vergorener Rebensaft über die Jahre hin verändert. Manchmal zum Guten, manchmal leider auch zum Schlechten. Es werden Prognosen abgegeben, verworfen und nachkorrigiert. Denn wie so oft beim Wein gilt auch hier der Satz: Die Zeit wird es zeigen.

Nur wann? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um eine solche Flasche zu öffnen? 5 Jahre? 10 Jahre? Meist wird nicht lang genug gewartet, der Wein zu früh getrunken. Potential? Ja, das ist da. Jede Menge sogar, aber der Wein braucht noch Zeit. Natürlich ist das von Jahrgang zu Jahrgang ganz unterschiedlich. Einen Wein auf den Punkt zu erwischen, an dem er alle seine Facetten präsentiert und der einen dann einfach nur vom Stuhl haut, ist schwierig.

Umso gespannter war ich, als ich zu einer Probe mit Großen Gewächsen aus dem Jahrgang 2004 eingeladen wurde. Rieslinge aus dieser Kategorie mit einer gewissen Reife habe ich noch nicht so häufig erleben dürfen. Außerdem gilt der Jahrgang 2004 als besonders gut, nahezu herausragend.

Das Jahr an sich verlief im Gegensatz zum vorherigen „Hitzejahr“ 2003 eher unspektakulär. Die Temperaturen blieben im Rahmen und die Zuckerwerte galoppierten nicht davon. So konnte man erst relativ spät zur Lese schreiten - wir sprechen hier von Ende Oktober, manchmal sogar Mitte November.

Philipp Wittmann schrieb mir auf Anfrage: „Geerntet wurde erst Anfang November, es gab nur gesunde Trauben und es war wichtig, sie für eine reife Aromatik möglichst lange hängen zu lassen.“ Er hält den 2004er Jahrgang für spannend, verbindet eine gewisse „Kühle“ der Frucht mit einer relativ hohen Traubenreife. Ihm persönlich sei der Jahrgang allerdings in der Tendenz ein wenig zu fett. Heute würde wohl, u.a. dem Zeitgeist geschuldet, leichtfüßiger und etwas trockener vinifiziert.

Wobei allgemein gesprochen der Anteil von Boytritis in den Großen Gewächsen nahezu überall auf ein Minimum reduziert oder gar ausgeschlossen werden konnte. Dies hat sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Qualität und die Entwicklung der Weine ausgeübt.

Wir tranken acht Weine, sechs aus dem Jahr 2004, fünf davon von deutschen Produzenten, einen von einem Weingut aus dem Elsass. Dazu kamen zum Vergleich zwei Weine aus 2005, einer deutsch der andere  französisch.

(c) Markus Budai

Flight 1: Peter Jakob Kühn – Oestrich Doosberg Riesling trocken 2004 vs. Trimbach – Riesling Cuvée Frédéric Emile 2004
Der Doosberg von Kühn war der einzige Wein der Probe, der seinen Zenit bereits deutlich überschritten hat. Die fahle dunkelgoldene Farbe deutete es schon an. In der Nase ebenfalls sehr weit. Kandierte, überreife Aprikose, viel Honig, Schwarztee, leicht apfelschalig sowie etwas Pumpernickel habe ich mir notiert. Am Gaumen sehr säurearm, flach und ohne den nötigen Druck am Gaumen. Erinnerte im Abgang etwas an Matetee.

Dagegen war das Cuvée Frédéric Emile von Trimbach, das aus den beiden Grand-Cru Lagen Geisberg und Osterberg gekeltert wird, schon eine ganz andere Nummer. Der Wein dreht hellgolden im Glas, zeigt aber noch sehr jugendliche, leicht grünliche Reflexe. Auch das Nasenbild präsentiert sich noch sehr jugendlich und leicht verschlossen. Ein wenig Mango, Zitronenzeste, Aloe Vera und eine Plastiktüte. Alles sehr fein und zurückgezogen. Braucht noch etwas um seine volle Größe zeigen zu können. Am Gaumen hingegen ging ordentlich die Post ab. 

Eine nach dem Doosberg geradezu erfrischende Säure, Zug und Spannung sind ebenfalls da. Sehr straight und ohne viel Verschnörkelungen. Eine schöne salzige Note schwingt nach dem Schlucken nach. Sehr gut und mit, wie oben schon erwähnt, noch deutlich Potential für lockere zehn Jahre.  (91+)

Flight 2: Emrich Schönleber – Riesling Halenberg „Lay“  GG Verst. 2004 vs. Dönnhoff – Hermannshöhle GG Riesling 2004

Dann folgte das Duell der Nahe Traditionalisten. Beiden Betrieben kann man eine hohe Verlässlichkeit attestieren, wenn wir von qualitativ hochwertig gemachtem Wein reden. Sie gehören schon seit Jahren zur absoluten Spitze, wenn es um deutschen Riesling geht.

Emrich Schönleber präsentierte mit seinem Versteigerungswein „Lay“, der aus dem Hallenberg stammt, den für mich zweitbesten Wein des Abends. Im Glas präsentiert sich der Stoff in einem abgefahrenen Neongelb mit grünen Einschlüssen. In der Nase ein Mix aus Aprikose und gelber Steinfrucht, die an Mirabelle erinnert. Dazu gesellt sich eine rauchige Note sowie eine ganz, ganz leichte Petrol Note, die aber nicht störend wirkt. 

Mit mehr Zeit im Glas wird es immer komplexer und „dunkler“. Am Gaumen zeigt der Wein eine hohe Konzentration und eine unglaubliche Tiefe bei einem mittleren Körper. Ich finde wieder Steinobst und eine starke salzige Komponente. Das Finish fällt lang aus. Ein sehr expressiver Wein, der für mich an seinem Höhepunkt angekommen ist. Er wird wohl nicht mehr besser werden. Wer ihn noch im Keller hat, für den ist jetzt ist der perfekte Zeitpunkt zum trinken. (94/95)

Dagegen hatte es die Hermannshöhle nicht leicht, vor allem weil sie sich bei weitem nicht so extrovertiert zeigte wie der Halenberg. Intensive hellgoldene Farbe.  Die Nase zeigt sich sehr zurückgenommen und schlank. Es scheint wenig Frucht durch, nur ganz leicht etwas Zitrone und frischer weißer Pfirsich. Hinzu kommt eine schöne karge, steinige Note. 

Am Gaumen ist der Wein viel schlanker und sehniger als der Schönleber, der mit deutlich mehr „Fleisch“ ausgestattet ist. Die Hermannshöhle tänzelt mehr, ist sehr elegant wie eine Prima Ballerina. Dabei ist alles sehr gut ineinander verwoben. 

Die einzelnen Details sind nicht sofort greifbar. Man muss sich auf den Wein einlassen und ihn genau erkunden. Dieser Stoff hat enormes Potential und ist bei weitem noch nicht am Höhepunkt seiner Schaffensphase angekommen. Er braucht Zeit und Aufmerksamkeit, um seine Stärken ausspielen zu können. (93+)

Flight 3: Keller – Hubacker GG 2004 vs. Wittmann – Westhofener Morstein GG 2004

Dann der Schwenk in Richtung Rheinhessen. Mit Keller und Wittmann hatten wir zwei Protagonisten am Start, die mit ihren Weinen auch international schon einiges an Aufmerksamkeit einheimsen konnten. Vor allem die Weine von Klaus-Peter Keller sind sehr gefragt und stehen preislich am oberen Ende, wenn wir von Großen Gewächsen reden. Bisher konnten mich die Weine von K.P. Keller noch nicht wirklich überzeugen. Was ich bisher getrunken habe, war mir oft zu mastig und zu süß. 

Umso gespannter war ich auf den Hubacker. Der stilistische Unterschied zur Nahe ist frappierend. Die Weine aus Rheinhessen haben deutlich breitere Schultern und wirken in ihrem ganzen Auftreten deutlich massiger als die Kollegen von Schönleber und Dönnhoff.

Kellers Wein wirkt schon in der Farbe noch relativ jung. Mit einem intensiven Hellgold inklusiver leicht grünlicher Reflexe dreht er im Glas seine Runde. Die Nase zeigt unreifen Pfirsich, gelbe Steinfrucht, etwas Grapefruit sowie Plastik unterlegt mit einer schönen Rauchigkeit, die ich so bei noch keinem Keller Wein finden konnte. 

Am Gaumen ist der Wein sehr ausfüllend und mit Abstand der mit den breitesten Schultern in der gesamten Verkostung. Unglaubliche Saftigkeit, gepaart mit einer schönen Salznote und ordentlich Zug am Mittelgaumen, charakterisieren diesen Hubacker. Er hat von allen Weinen im gesamten Tasting die mit Abstand am deutlichsten hervortretende Phenolik. Die Säure hält alles in einer wirklich schönen Balance. Was ich sonst immer als zu mastig und zu dick wirkend kritisiert habe, macht sie hier wett. Ein Top-Wein, den ich noch mit deutlichem Potential für weitere 10-15 Jahre sehe. Sollte noch besser werden. Den Stil, den ich persönlich bevorzuge, finde ich in diesem Stoff zwar weniger, dies soll der qualitativen Hochwertigkeit dieses Produkts aber keinen Abbruch tun. (93+)

Und dann kam er, der Wein, auf den ich ehrlich gesagt am meisten gespannt war. Von dem viele sagen, dieser Jahrgang sei es gewesen, der Wittmann so richtig an die Spitze katapultiert hat. Der Westhofener Morstein . Ich glaube, man kann hier bereits von einer Art „Legende“ sprechen.

Er liegt mit einer etwas dunkleren (wie der Hubacker), trotzdem noch recht hellen und sehr klaren Farbe im Glas. Das Nasenbild zeigt sich für mich wunderschön rund und harmonisch gereift. Nussige Töne wie Mandel treffen auf Vanille, Mirabelle, kalten Rauch und ganz wenig Tiroler Speck. Mit etwas mehr Zeit im Glas kommen noch vegetabile Noten hinzu. Eine sehr feine Nase. Am Gaumen ist der Wein nicht so kräftig und saftig wie der Hubacker. 

Der Morstein ist der „noblere“, geschmeidigere der beiden. Dagegen wirkt der Keller Wein fast ein wenig rustikal/bäuerlich. Er lebt  von seiner nahezu perfekten Balance zwischen Power und Zug am Gaumen, sehr gut eingebundener Säure und einer schwer greifbaren Eleganz, obwohl der Wein schon maskulin daher kommt. Im langen Finish fällt eine sehr schöne, leichte Bitternote auf, die das Bild des Morsteins abrundet. Für mich ein sehr kompletter Wein ohne wesentlichen Kritikpunkt. Ich denke nicht, dass er zukünftig noch zulegen wird. In den nächsten Jahrgen trinken lautet die Devise. (94)

Flight 4: Zind Humbrecht – Clos Windsbuhl 2005 vs. Georg Breuer – Berg Schlossberg GG 2005

Dann waren wir durch mit den 2004ern. Es folgten zwei Weine aus dem Jahrgang 2005 zum Abschluss. Zunächst der Clos Windsbuhl aus dem Elsass vom Produzenten Zind Humbrecht. Ein Wein, der schon sehr weit in seiner Entwicklung ist. Schon die Farbe geht eher in die dunkelgoldene Richtung. In der Nase dominieren Aromen von Tabak, kandierte Aprikose, Toast, Honig und eine leicht oxidative Note.

Am Gaumen ist der Wein sehr opulent. Die niedrige Säure verschlimmert diesen Eindruck für meine Begriffe nur noch zusätzlich. Solo ist mir dieser Wein eindeutig zu dick. Maximal ein Glas kann ich davon einfach so trinken. Später, zum Käse, machte er eine bessere Figur. Trotzdem, nicht mein Wein. (90)

Bekanntlich kommt das Beste ganz zum Schluss und im Falle des Berg Schlossberg vom Weingut Georg Breuer trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Der beste Riesling den ich in meinem bisherigen „Trinkerleben“ probieren durfte.

Immer noch sehr jugendliche, intensive, satte Farbe, die ich als leicht neongelb bezeichnen würde. 

Die Nase ist einfach nur der Abschuss. Müsste ich nur sie bewerten, wäre ich hier bei 98/99 Punkten. Unfassbare Komplexität, dabei aber so leicht und tänzelnd. Zunächst sehr fruchtig, exotisch mit Aromen von Mango, Papaya und etwas Maracuja. Dann wechselt das Nasenbild zunehmend in Richtung Kräuterbusch mit Melisse, Rosmarin und etwas weißem Pfeffer. Dazu gesellen sich frisch aufgeschnittener weißer Pfirsich und eine Komponente, die an KiBa (Kirsch-Bananensaft) erinnert. Alles ist sehr geheimnisvoll und verführerisch und kommt so rüber, als ob der Wein noch nicht alles von sich preisgeben will. Dieser ständige Wechsel und immer neue Aromen machen die Nase für mich nahezu perfekt. 


Am Gaumen kann der Wein dann nicht ganz das Bild der Nase halten. Ein Stoff mit mittlerem bis vollem Körper. Säure ist da, es fehlt mir persönlich aber etwas die Lebendigkeit, um den Wein ganz oben zu positionieren. Zug und Spannung verbinden sich mit einer schönen Rauchigkeit. Hinten raus im langen Finish fehlt vielleicht ein wenig der letzte Biss und Nachdruck. Aber das ist meckern auf ganz hohem Niveau.


Ein fast perfekter Riesling, großes Kino und der Gewinner dieser Verkostung. Wird sich meiner Meinung nach auf diesem Niveau noch ein Weilchen halten, wird aber nicht mehr besser. (96)

Eine wunderbare Probe, die zeigt, dass der 2004er Jahrgang in der absoluten Spitze in jedem Fall Weine mit extrem hohen Niveau hervorgebracht hat, die sich auch nach 10 Jahren Flaschenreife keineswegs müde (bis auf einen) präsentieren.

Wen die Einschätzungen meiner Mitverkoster interessiert, der sollte sich die Berichte von Markus Budai und Christoph Strauss nicht entgehen lassen. 


Dienstag, 23. September 2014

HebeBühne - der Theater Blog - Michael Jetters Ode an die "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek


von Michael Jetter / Inszenierung Thalia Theater Hamburg 
Ich muss es gleich am Anfang sagen, dieser (Theater) Abend ist ein sehr wichtiger Abend, ein berührender Abend und auch ein unglaublich hilfloser Abend auf einer der profiliertesten Bühnen im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Anbetracht der existentiell bedrohlichen Situation der auftretenden Flüchtlinge aus der Hamburger St. Pauli Kirche. 

"Die Schutzbefohlenen" ist ein grandioser Text von Elfriede Jelinek. Er bezieht sich ursächlich auf die Besetzung der Wiener Votiv Kirche durch 60 Asylbewerber Ende 2012, die damit - im nachhinein erfolglos - auf Ihre Situation in Österreich aufmerksam machen wollten. Aktuell erzählt Jelinek von den rund 80 sogenannten Lampedusa Flüchtlingen, die seit Juni 2014 in der kleinen St. Pauli Kirche in Hamburg leben. Als in Lybien zu Zeiten des Diktators Muammar al-Gaddafi die Revolution ausbrach, verließen sie überstürzt das Land, landeten in Lampedusa und anschließend auf dem italienischen Festland. 

In der Hoffnung auf ein lebenswertes und vor allem sicheres Leben kamen sie nach Deutschland. Als die Rückführung nach Italien drohte, fanden sie Schutz in der St. Pauli Kirche bei Pastor Sieghard Wilm und seinen Mitstreitern. Der Jelineksche Text ist sperrig, manchmal tief traurig, dann wieder explosiv und aggressiv, zwischendurch absurd humorvoll und unendlich emphatisch. Er ist eine gnadenlose Bestandsaufnahme der nicht existenten Kommunikation und Wahrnehmung zwischen Wohlstandsbürgern und den Flüchtlingen dieser Welt. Nur am Rande bemerkt, ich hatte bisher überhaupt keinen Zugang zu Elfriede Jelinek, aber die Sprachgewalt in "Die Schutzbefohlenen" und die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens haben mich mehr als überzeugt. 

Große Teile des Textes werden von den drei festen Ensemble-Mitgliedern Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch gesprochen. Das irritiert, sind doch die betroffenen Flüchtlinge auf der Bühne präsent. Aber die Sätze, Anklagen, Absurditäten und Aufschreie sind eben auch sehr fordernd formuliert, sie sind kompliziert und voluminös, so dass es wohl keine andere Lösung gab. Es ist auch offensichtlich, dass Scheitern und Versagen zu dem gesamten Theaterprojekt gehören, wie kann es auf der Bühne anders sein als in der kalten Realität. 

"Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier. Das Wißbare aus unserem Leben ist vergangen, es ist unter einer Schicht von Erscheinungen erstickt worden, nichts ist Gegenstand des Wissens mehr, es ist gar nichts mehr. Es ist auch nicht mehr nötig, etwas in Begriff zu nehmen. Wir versuchen, fremde Gesetze zu lesen. Man sagt uns nichts, wir erfahren nichts, wir werden bestellt und nicht abgeholt, wir müssen erscheinen, wir müssen hier erscheinen und dann dort, doch welches Land wohl, liebreicher als dieses, und ein solches kennen wir nicht, welches Land können betreten wir? Keins. Betreten stehn wir herum. Wir werden wieder weggeschickt. Wir legen uns auf den kalten Kirchenboden. Wir stehen wieder auf. Wir essen nichts. Wir müssen doch wieder essen, wenigstens trinken". Auszug "Die Schutzbefohlenen".

Unter www.elfriedejelinek.com finden Sie den gesamten Text. 

Im zweiten Teil der Inszenierung kommen, man möchte sagen endlich, die schauspielernden Flüchtlinge zum Zug und berichten von Ihren grausamen Erfahrungen auf der Flucht, ihren Sehnsüchten und Hoffnungen. Genau an diesem Punkt wird es ein berührender, ein wachmachender und auch ein anklagender Abend, der keinen Besucher kalt lassen kann, geschweige denn gleichgültig, es sein denn man ist AFD Wähler. Als dann auch noch Videosequenzen mit Original Statements Pöseldorfer Bürger eingespielt werden, die in typisch hochnäsiger, hanseatischer Bräsigkeit sich darüber auslassen, warum man die Flüchtlinge nicht in Ihrem Stadtteil unterbringen darf, steigt die nackte Wut auf. 

"Ja, die sind hier eigentlich insofern nicht so gut aufgehoben, weil die sich gar nicht wohlfühlen werden. Wo sollen die denn einkaufen?“, stammelt Felix Knopp. Und Daniel Lommatzsch setzt in schönstem Schnösel-Sprech hinzu: "Kaffee kostet hier 7,50 Euro, ein Armani-Anzug tausend Euro. Die haben ja gar nicht das Geld, um hier in den Geschäften einzukaufen, nicht? Also, geh ich mal von aus!“ 

Es geht in diesem Stück von Elfriede Jelinek um die Situation der Flüchtlinge unserer Zeit, um die Trutzburg Europa, die wir mit Zähnen und Klauen verteidigen, Stichwort Frontex, aber angesichts dieser eingespielten Statements geht es auch, und kann nicht anders sein, um unsere grundsätzlichen Werte, um die Idee Europa und darum, jeden einzelnen Menschen bewußt wahr zu nehmen, und keinen Einzelnen in Geißelhaft für seinen politischen Status zu nehmen. Bei meiner Recherche über die aktuelle Thalia Inszenierung, stieß ich dann noch auf den Türsteher Horst Kriegel. Dieser hatte aus den Medien erfahren, dass rechte Burschenschaftler die St. Pauli Kirche ausgekundschaftet hatten. 

Die Vorstellung, dass sie die Flüchtlinge bedrohen könnten, führte ihn direkt zu Pastor Wilm. Bis heute übernimmt er fast jede Nachtschicht zum Schutz der Flüchtlinge, die beschämenderweise in der Kirche leben müssen. Horst Kriegel ist für mich ein Vorbild. 

"Genau. Und das hat für mich mit Politik überhaupt nichts zu tun, das ist eine Sache von Zivilcourage. Solange ich hier bin, wird es garantiert kein zweites Mölln geben. Davor habe ich nämlich am meisten Angst. Als ich das damals gesehen habe, habe ich mir auch gesagt: Hätten wir da mal was getan. Ich stehe schon darauf, nicht im Nachhinein hinterher zu jammern, sondern im Vorhinein etwas zu tun". Zitat Horst Kriegel. 

Während der anschließenden Podiumsdiskussion, habe ich mir ein Bild von Pastor Wilm machen können. Seine Arbeit und die seines Kollegen Pauleken, beeindrucken mich sehr. Selten ist mir ein Mensch begegnet, der sich mit einer solchen Zivilcourage und Engagement seiner Schützlinge annimmt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und sich jeder Diskussion stellt. Im Gegensatz zum geladenen Innensenator Michael Neumann, der sich an diesem Abend entschuldigen ließ, ein Sozialdemokrat, das sei aber nur am Rande bemerkt. 

Zum Schluss ist es mir ein Anliegen, den geneigten Leser auf das Spendenkonto der St. Pauli Kirche aufmerksam zu machen. Die Hebebühne wird das Engagement der Pastoren und ihrem Team für Humanität und aktive Menschlichkeit mit 200 Euro unterstützen. Sollten Sie sich auch zu einer Spende entschließen, würde das den hochgeschätzten Herausgeber Direttore Breitenfeld und mich selbstredend sehr freuen. Jeder Euro ist hier sinnvoll investiert, vertrauen Sie uns bitte an dieser Stelle.  

Hamburger Sparkasse 
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Stichwort: Afrikaner


Montag, 22. September 2014

Winifred, der Wagner unter den Rosés oder gut Gut Oggau!

von Marc Dröfke
Wie ich in meinem letzten Beitrag schon erwähnt habe, bin ich normalerweise nicht ein größer Fan von Rose-Weinen. Die 77. Weinrallye (Zusammenfassung übrigens bei culinary pixel) hat mich dann mehr oder minder genötigt das Thema etwas genauer zu betrachten und ich war doch durchaus beeindruckt von dem Stoff der Domaine Tempier. Ich muss aber gestehen, dass der Wein aus der Provence eigentlich nur eine Art Ersatz war, denn ich hatte zunächst einen anderen Kollegen für dieses Thema angedacht. Da es allerdings mit dem Liefertermin knapp geworden wäre, musste ich kurzfristig umdisponieren.

Nun möchte ich den zunächst angedachten Wein aber nicht in der Versenkung meiner Leber verschwinden lassen, sondern ihn ebenfalls hier vorstellen, sind mir die Eckdaten und der Winzer dieses Weins doch höchst sympathisch.

Es dreht sich um den Betrieb Gut Oggau, der im gleichnamigen Ort am Neusiedlersee ansässig ist und seit geraumer Zeit von sich reden macht. Der Weinbau am See, sowie das Weingut an sich, blicken auf ein langes, traditionsreiches Bestehen zurück. Diese traditionellen Werte versuchen Stephanie und Eduard Tscheppe-Eselböck seit 2007 aufzufangen und neu zu verpacken.

Dabei wird aber bewusst nicht alles mit der Brechstange, sondern behutsam und nur dort wo das Winzerpaar es für nötig hält, modernisiert. Sie gehören zu einer Generation jüngerer Winzer, die sich nicht den überreifen, mastigen Weinen verschrieben haben, sondern eher einen schlanken, eleganten Stil fahren und dabei ganz bewusst die Kühle, die ihnen das Wetter ihrer Heimat schenkt, ausnutzen.

Die Weingärten werden biodynamisch bewirtschaftet, nahezu alle Weine sind Demeter zertifiziert oder befinden sich in der Umstellung. Natur pur sozusagen, ohne jegliche Verwendung von Spritzmitteln, chemischen Düngern oder anderen Schönungsmitteln. Allerdings wird diese Bewirtschaftungsart von den Beiden nicht als Religion verstanden, sondern als nötige Arbeit, um Weine zu kreieren, die ausdrucksstark, individuell und mit einer auffallenden Lagerfähigkeit ausgestattet sind. Dies wäre, laut Eduard Tscheppe,  auf diesem Niveau mit einer konventionellen Verfahrensweise nicht zu erreichen.

Tscheppe hat dabei eine genaue Vorstellung und Plan, wie er dieses Niveau auch auf die Flasche bekommt. Nichts scheint Hokuspokus zu versprechen, sondern jedes einzelne Detail ist durchdacht. Wie viele kleine Zahnräder greift alles ineinander und komplettiert sich am Ende zu einem großen Ganzen.

Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich einen Beitrag bei Hendriks Thomas Video-Wein-Show Wein am Limit, in dem die Tscheppes ihre Philosophie genauer erläutern. Anschauen lohnt sich.

Ein weiterer Faktor, der den beiden auf ihrem Weg half, war die Neugestaltung ihrer Etiketten zusammen mit der bekannten Werbeagentur Jung von Matt. Jeder Wein stellt in diesem Konzept eine eigene, fiktive Persönlichkeit mit entsprechenden Charakterzügen dar. Dies ist nicht nur ein Marketing-Gang, sondern laut Tscheppe durchaus auch in den Weinen zu spüren.

Die Qualitätspyramide staffelt sich nach dem Alter. Je älter die jeweilige Person, desto hochwertiger ist der Wein. Es gibt eine Jugend-Generation, eine Eltern-Generation und eine Großeltern-Generation. Wer den ganzen Stammbaum einmal einsehen will, der kann dies hier tun.

2013 Winifred Rose Gut Oggau 
Der Rose, um den es sich heute dreht, ist ein Wein aus der Jugend-Generation und zählt somit zum Einstiegsbereich. Sein oder besser gesagt ihr Name ist „Winifred“. Es handelt sich dabei um eine Cuvee aus Blaufränkisch und Zweigelt.

Vergoren wird spontan im großem Fass. Der Ausbau erfolgt ca. 5 Monate lang auf der vollen Hefe, ebenfalls in großen Fässern. Dann folgt der schonende Abzug, die Abfüllung ist unfiltriert. Winifred wird bis zur Füllung nicht geschwefelt und keiner Most- oder anderen Weinbehandlung unterzogen.

Herausgekommen ist ein Wein, der direkt beim einschenken zunächst eine helle pinke Farbe hat, dann aber schnell dunkler wird und in Richtung eines durchsichtigen Rots tendiert.

In der Nase frische, noch leicht mit Dreck versehene Walderdbeeren, überreife Birne, etwas Zeste von einer Orange sowie weiße Blüten und einen Hauch von Gartenkräutern. Dazu gesellt sich eine leichte oxidative Note, die allerdings keineswegs störend auffällt.

Am Gaumen wirkt der Stoff zunächst sehr leicht und eher als ein „easy-drinking“ Wein, doch im Finale zeigt er wieso auch der Jugend-Generation des Weingutes eine gewisse Tiefe nachgesagt wird. Der Wein wirkt hier wie ein kleines Crescendo, wächst an und schiebt mit ordentlich Druck nach. Dabei ist er zu jeder Zeit frisch und klar. Die Säure ist wunderbar in den Wein integriert, kreiert nebenher noch einen ungemeinen Trinkfluss.

Ein starker Auftritt der Dame vom Neusiedlersee, die bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Dieses Weingut sollte man im Auge behalten.

Wer den Wein probieren möchte, der schreibt einfach eine E-Mail an office@calistoga.eu und fragt nach dem guten Tropfen.  
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc. keinerlei Geld erhalten.


Donnerstag, 28. August 2014

Weinrallye #77 - Rose, Rose, Tu mir nicht weh! - 2013 Bandol Domaine Tempier

von Marc Dröfke
Bisher war Rose nie wirklich ein Thema, welches mich wirklich „anturnen“ konnte. Gut, ab und zu auf einem Sommerfest oder im Urlaub, habe ich das ein oder andere Glas zu mir genommen. Wirklich begeistern konnte mich bisher noch keiner dieser Weine. In nahezu allen Fällen war der Stoff einfach nur dünn, ohne Struktur und Druck am Gaumen. Allerdings muss ich auch gestehen, dass die von mir probierten Rose Weine von keinem renommierten Produzenten stammten oder in irgendeiner Weise einen speziellen Ausbau erfuhren.

„Roséweine sind sehr hellfarbige Weine aus blauen oder roten Trauben, die wie Weißwein hergestellt werden. Die Beeren dürfen dabei nicht oder nur wenige Stunden auf der Maische liegen. Je nach Intensität des Kontaktes mit den Beerenhäuten ist der Roséwein unterschiedlich stark gefärbt, das Farbspektrum reicht von lachsfarben bis zu kirschrot.“ Danke Wikipedia!

Meine Vorbehalte versuche ich im Zuge dieser Weinrallye - ein monatlich stattfindendes Blogger-Event zu einem vorgegebenen Thema der Weinwelt - zu zerstreuen. Ich habe mich für eine Flasche aus der Provence entschieden, die von einem Weingut stammt, das durchaus über einen gewissen Status verfügt und über deren Weine ich noch nie etwas schlechtes gelesen oder gehört habe.

Die Rede ist von der Domaine Tempier. Speziell der Rose wurde zum Teil hoch gelobt. O-Ton Robert Parker, der amerikanischer Weinkritiker-Papst: „the leading candidate fort he world´s most hedonistic Rose“ Ziemlich große Worte. Werde ich endlich bekehrt?

Die Domaine ist bereits seit 1834 im Besitz der Familie Tempier. Das Weingut war maßgeblich mitverantwortlich dafür, dass das Anbaugebiet Bandol 1941 den Status als A.O.C von der I.N.A.O verliehen bekam. Dies wurde durch harte Arbeit und einer stetigen Rekultivierung der zum Teil sehr alten Rebstöcke erreicht. Mittlerweile werden ca. 38 Hektar an Rebfläche bewirtschaftet, die sich rund um den kleinen Ort Le Plan du Castellet auf mehrere einzeln verstreute Paarzellen verteilen.

Bei den Weinen der Domaine kommt eine Rebsorte ganz besonders zum Tragen. Es dreht sich um Mouvedre, der in allen Weinen des Betriebs eine dominierende Rolle spielt. Auch in dem von mir ausgesuchten Rose, ist der Mouvedre mit 50% in der Cuvee vertreten. Daneben lässt sich noch 28% Grenache, 20% Cinsault und 2% Carignan finden.


2013 Bandol Domaine Tempier
Der Wein fließt mit einem Lachsrosa ins Glas, verändert sich mit der Zeit aber etwas und wird dunkler.

In der Nase viel frisch angeschnittener heller Pfirsich, Erdbeere, leicht Kirsche, etwas Quitte und die Rinde einer Wassermelone. Daneben gesellt sich noch eine leicht Note, die an Eisen erinnert und ein paar Rosenblätter.

Im Mund hat der Wein einen mittleren Körper, ist leicht cremig und verfügt über die von mir oft vermisste Struktur bei Roseweinen. Die Säure fällt zunächst nicht weiter auf, kommt im Abgang aber nochmal schön raus. In Form einer leicht an Zitrone erinnernde Komponente. Der Wein wird mit Luft immer besser, kann sein volles Potential erst nach einer Stunde voll ausspielen. Er zeigt jetzt ein langes, elegantes Finish, das ihm zusätzlich eine sehr noble Seite verleiht. Alles befindet sich in einer unheimlichen ansprechenden Balance, aber dennoch animiert er zum Trinken. Vor allem ob des kleinen würzigen Einschlags. Überraschend komplex.  

Ein stimmiges Exemplar Rose, das charakterstarke Eigenschaften besitzt. So lasse selbst ich mir Rose gefallen. Es gibt letztendlich alles auch in gut, manchmal muss man halt einfach länger suchen…

Für ca. 20€ hier zu beziehen. 
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc. keinerlei Geld erhalten. 


Mittwoch, 27. August 2014

Consigliere Dröfkes sizilianische Heimatsendung, Ursprung vor Heimsuchung! - Passopisciaro Rosso Sicilia IGT 2010

Von Marc Dröfke
Für den heutigen Wein begeben wir uns in etwas südlichere Gefilde und fahren runter nach Italien. Ganz runter. Und dann mit der Fähre noch ein bisschen weiter. Auf die größte Insel im Mittelmeer. Nach Sizilien.

Einer der schönsten Flecken in Europa. Ganz bestimmt. Leider hat die Insel stark unter der Euro-Krise gelitten. Genau wie im Süden des Festlands, gibt es hier kaum Industrie. Das meiste Geld wird im Tourismussektor und in der Landwirtschaft verdient. Ein weiteres Problem ist der ausufernde regionale Staatsapparat, der immense Kosten verursacht. Die Jugendarbeitslosigkeit ist extrem hoch. Das Einzige was da noch hilft, ist auswandern. Oder ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis bei der Cosa Nostra.

Entgegen diesem Trend, scheinen die vielen kleinen aufstrebenden Winzer Siziliens allerdings ihre Läden im Griff zu haben. In den letzten 5 Jahren haben die Weine extrem an Popularität gewonnen. Man scheint dort begriffen zu haben, dass nicht die dicken, über-extrahierten Knaller die Leute nachhaltig anziehen, sondern auch feine, eher kühle Weine mit Finesse. Diese bevorzugt aus den heimischen autochthonen Rebsorten.

Diese Gebinde findet man am ehesten bei Winzern, deren Reben in relativer Nähe zur Küste liegen, wo der Wind des Meeres durch die Wingerte strömt und die Weinberge sehr hoch liegen, so dass es in den Nächten deutlich abkühlt. Sehr sinnvoll, da die Tage extrem heiß werden können.

Und wo findet man diese hoch liegenden, kühlen Gebiete in Sizilien? Genau, bevorzugt am Ätna. Das Wahrzeichen Siziliens ist 3323 Meter hoch und damit der höchste und außerdem auch der aktivste Vulkan Europas. Der nach allen Seiten hin freistehende Berg, erhebt sich bis auf die dreifache Höhe der ihn umgebenden Gebirgszüge.

Am Fuße des Vulkans bewirtschaftet Andrea Franchetti seine Reben. Franchetti, der ein bisschen aussieht wie Yves Saint Laurent, ist ein umtriebiger Mensch. Er wuchs als Sohn einer reichen Amerikanerin und eines italienischen Bergsteigers in Rom auf. Mit 18 Jahren bricht er das Gymnasium ab und fährt mit dem Rad nach Afghanistan. Dort schreibt er Reiseberichte und später -  wieder daheim in Rom – Filmkritiken. Danach geht es über den großen Teich. Nach New York. Doch auch dort findet Franchetti nicht sein Glück.

Er kehrt heim nach Italien und erwirbt für relativ kleines Geld ein Stückchen Land in der Toskana, die spätere Tenuta di Trinoro. Dort keltert er aus den internationalen Rebsorten Cabernet Franc, Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot einen Wein, den er nach dem Weingut benennt. Der Stoff wird eine Erfolgsstory.

Doch Franchetti hat noch nicht genug und sucht Anfang des neuen Jahrtausends nach einer neuen Herausforderung. Am Ätna findet er diese. In sehr hoher Lage, satte 1000 Meter über dem Meeresspiegel, kauft er im Jahre 2001 60-110 Jahre alte bestockte, teilweise als Terrassen angelegte, Weinberge, die er wieder aufrichtet. Gleichzeitig setzt er auch neue Rebstöcke, um eine breitere Bezugsquelle zu ermöglichen.

Neben einigen Weinen aus Einzellagen, produziert er auch noch seinen „Einstiegswein“ Passopisciaro. Ebenfalls der gleiche Name, den das Weingut trägt. Die Trauben für den Stoff stammen von verschiedenen Paarzellen, die allerdings ein Rebstock Alter von durchschnittlich 80 Jahren aufweisen. Die Rebsorte hier ist der Nerello Mascalese, eine autochthone Rebsorte Siziliens. Franchetti geht auf Passopisciaro dadurch einen anderen Weg wie in der Toskana. Einen ursprünglichen. Der Wein wird in großen Holzfässern 18 Monate ausgebaut. Ohne Make-Up sozusagen.

Passopisciaro Rosso Sicilia IGT 2010
Der Wein fließt mit einer sehr hellen, nahezu durchsichtigen Farbe ins Glas und erinnert sehr stark an einen Pinot aus dem Burgund. In der Nase geht diese Analogie weiter. Sehr feine rotfruchtige Aromen nach roter Kirsche, roter Johannisbeere und Cranberry, dahinter etwas Apfelschaale, Grapefruit, Zeste von einer Orange gemixt mit einer unheimlichen trockenen, erdigen, staubigen, sehr an Asche erinnernde Komponente.

Im Mund fällt als erstes die hohe Säure auf. Nicht negativ allerdings. Sie sorgt dafür, dass man den relativ hohen Alkohol von 14% gar nicht merkt. Also so wirklich überhaupt gar nicht. Wieder rotfruchtig getrimmt, hat dieser, eher leicht wirkende Wein, einen extrem mineralischen „Drive“, der mir unglaublich gut gefällt. Sehr gut strukturiert sind auch die Tannine. Das Finish wirkt etwas brandig. Das ist aber der einzige kleine Kritikpunkt.

Ein Wein von einem Tausendsasa, der zeigt wie man autochthone und Terroir geprägte Weine im Stile eines Burgunders, auch in Italiens nahezu heißester Region vinifizieren kann. Wahnsinnig spannend! Tanto di Cappello e Grazie, Andrea Franchetti!

Der Wein ist für ca. 30€ hier zu beziehen.
Der Direttore möchte darauf hinweisen, dass wir für Verlinkungen, Verkostungen, etc. keinerlei Geld erhalten.