Direttores Frühkritik zum Tatort "Das Dorf"

Egal ob man diesem vom Hessischen Rundfunk produzierten Tatort nun gut oder schlecht gesinnt ist, die Machart war bisher einzigartig in der Geschichte des Krimiformats! "Das Dorf" lässt von der ersten Sekunde an keinen Zweifel, dass hier Neuland betreten wird. Ja, dass hier ein kleines Stück Tatortgeschichte geschrieben wird. Gleich zu Anfang gibt es nach dem bekannten Klaus Doldinger Thema einen weiteren Epilog. Dieser ganz im Stile Edgar Wallace gehalten. Sofort merkt man, in dieser Folge wird alles anders. Ein cineastischer Dauerbeschuss nach David Lynch, Alfred Hitchcock, Quentin Tarantino und der Eleganz eines Ingmar Bergman folgt. Ein durchaus mutiges Unterfangen! Wer könnte diese Revolution des Deutschen Krimis besser verkörpern als Ulrich Tukur? Ja, ich gebe zu, dass der Direttore wohl ein glühender Anhänger Tukurs ist, jedoch beweist "Das Dorf" auf welch exzellenter schauspielerischer Qualität diese Zuneigung beruht. Der Farbfilter entzieht der Episode unnötige "Buntwäsche" und kommt in einem klassischen Film Noir Stil auf den Bildschirm. Ein Paukenschlag ist die Behandlung des Gehirntumors von Felix Murot(Ulrich Tukur). So wird auf die übliche Leidensgeschichte verzichtet. Ganz im Gegenteil. Man dreht das Ruder in die andere Richtung und nutzt dieses Krankheitsbild für exzentrische bis hin zu grotesken Wahnvorstellungen. Wunderbar die Szene als Murot die Dorfkneipe im Hintertaunus betritt und in seiner Illusion sämtliche introvertierten Gäste plus Personal anfangen "Ballroom Blitz" von The Sweet zum Besten zu geben. Fast schon eine legendäre Szene. Der ganze Plot neigt immer wieder in Bedienung seiner Dialoge hin zu einer Persiflage. Die Charakterdarstellungen von Claudia Michelsen, Thomas Thieme und Matthias Scheuring lassen diese bizarre, weil unerwartete Neuerfindung des Tatorts glänzen. Eines ist "Das Dorf" sicherlich nicht, einfache Kost. Man muss dieser Art Genre schon zugeinigt sein um ernsthaftes Vergnügen an der Dramaturgie zu finden. Daher sollte es Kritikpunkte an "Das Dorf" geben, dann sei es 1. die schwierige Zugänglichkeit und 2. der etwas überladene Stilmix. Ansonsten attestiert der Direttore der Folge "Das Dorf" die wohl besonderste, wenn nicht beste Folge aller Zeiten gewesen zu sein. Endlich durfte man Pause von der globalen Sozialkritik machen. Kein Fingerzeig. Keine moralischen Bedenken. Cineastische Unterhaltung auf hohem Niveau. Dem Hessischen Rundfunk gilt es für so viel Mut zu gratulieren! Die Verpflichtung von Justus von Dohnányi für die Regie auf einer Vorlage von Daniel Nocke erwies sich als Glücksgriff...

Kommentare

  1. Und trotzdem erschien er mir in allem zu bemüht, zu wenig souverän, zu überladen. Man hätte sich auf weniger Zitate einlassen sollen und die stringenter einbauen. Zum Schluss bei der Haselnuss dachte ich nur, ja natürlich, Ice Age hat ja noch gefehlt ;o)). Auch die logischen Fehler hätte man besser vermieden oder stärker mit ihnen gearbeitet.

    Auch Tukur seine obligatorischen Tanz- und Singeinlagen zu schenken hat mir nicht gefallen, da hat ich zum ersten Mal gedacht "jetzt schinden sie Zeit".

    Es ist immer problematisch, wenn dieses Format (oder überhaupt irgendeines) zu sehr von der Schauspielerpersönlichkeit dominiert wird, so wie der Münsteraner TO inzwischen nur noch eine Liefersprahl-Show ist, so war mir der zu wenig Film und zu viel Tukur(den ich auch für den ´mit Abstand besten deutschen Schauspieler halte).

    Fazit: Idee genial, Umsetzung noch stark verbesserungswürdig, ich hab's trotzdem gerne gesehen und hoffe es gibt noch ein paar Fortsetzungen.

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  2. Natürlich war noch nicht alles stimmig, aber ich finde es weiterhin mutig. Man hat nun einfach mal einen neuen Ansatz geschaffen, wie du sagst geniale Idee. Man ist einfach mal weg von der verstaubten Dramaturgie eines Öffentlich Rechtlichen Krimiformats. Tatort braucht eine Zukunft. Der Grundstein wurde gelegt, jetzt müssen mit der Feile noch die auffallenden Unstimmigkeiten verbessert werden...

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  3. Ich fand ihn auch mutig und unterm Strich klug. Natürlich keine leichte Kost für die Tatortzuschauer, die ein nettes Geschichtchen mit bekannten Gesichtern sehen wollen - aber für die gibt's oft genug was Passendes. Kleine amüsante Geschichte am Rand - zum Thema Zitate und cineastische oder vielmehr tv-Sozialisation - mein Mitseher hat nur irritiert geguckt, als ich sagte "Genial - absolute Edgar-Wallace-Film-Zitate". In Skandinavien kennt man die ganz offenbar nicht ...

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  4. Philipp, jedes Wort unterstreiche ich so! Nach einem Mal schlafen sage ich: Genialer Tatort und damit ganz oben auf der Liste der besten Tatortfolgen aller Zeiten. Auch trotz der (meines Erachtens leicht übersehbaren) Kritikpunkte.

    Neben der ersten Szene im Gasthaus fabd ich das Treffen im Schloß inkl. Gespräch und Tanzeinlager der Kesslerzwillinge großartig.

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