Retrospektive, Große Gewächse Jahrgang 2004 10 Jahre danach!

(c) Markus Budai
von Marc Dröfke
Momentan sind die Großen Gewächse in aller Munde. Wie jedes Jahr wurden die vermeintlich besten Rieslinge der deutschen Winzer Ende August in einer großen Verkostung in Wiesbaden vorgestellt. Zu probieren gab es rund 500 Weine für 120 Weinhändler und Weinschreiber. Ich selbst war nicht dabei und kann so auch kein Urteil über die Qualität des aktuellen Jahrganges 2013 abgeben. Allerdings konnte man lesen, dass 2013 kein einfaches Jahr war. Nur Winzer,  die äußerst penibel aussortiert haben und nur das gesündeste Traubenmaterial in ihre Weine fließen ließen, konnten qualitativ überzeugen. 

Wer mehr über den neusten Jahrgang erfahren möchte, dem lege ich die Berichte von Dirk Würtz, Christoph Raffelt oder des Schnutentunkers a.k.a Felix Bodmann ans Herz.

Allerdings sind dies, wie immer, nur Momentaufnahmen. Jeder Laie mit einem unterdurchschnittlichen Verständnis für Wein weiß, dass sich vergorener Rebensaft über die Jahre hin verändert. Manchmal zum Guten, manchmal leider auch zum Schlechten. Es werden Prognosen abgegeben, verworfen und nachkorrigiert. Denn wie so oft beim Wein gilt auch hier der Satz: Die Zeit wird es zeigen.

Nur wann? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um eine solche Flasche zu öffnen? 5 Jahre? 10 Jahre? Meist wird nicht lang genug gewartet, der Wein zu früh getrunken. Potential? Ja, das ist da. Jede Menge sogar, aber der Wein braucht noch Zeit. Natürlich ist das von Jahrgang zu Jahrgang ganz unterschiedlich. Einen Wein auf den Punkt zu erwischen, an dem er alle seine Facetten präsentiert und der einen dann einfach nur vom Stuhl haut, ist schwierig.

Umso gespannter war ich, als ich zu einer Probe mit Großen Gewächsen aus dem Jahrgang 2004 eingeladen wurde. Rieslinge aus dieser Kategorie mit einer gewissen Reife habe ich noch nicht so häufig erleben dürfen. Außerdem gilt der Jahrgang 2004 als besonders gut, nahezu herausragend.

Das Jahr an sich verlief im Gegensatz zum vorherigen „Hitzejahr“ 2003 eher unspektakulär. Die Temperaturen blieben im Rahmen und die Zuckerwerte galoppierten nicht davon. So konnte man erst relativ spät zur Lese schreiten - wir sprechen hier von Ende Oktober, manchmal sogar Mitte November.

Philipp Wittmann schrieb mir auf Anfrage: „Geerntet wurde erst Anfang November, es gab nur gesunde Trauben und es war wichtig, sie für eine reife Aromatik möglichst lange hängen zu lassen.“ Er hält den 2004er Jahrgang für spannend, verbindet eine gewisse „Kühle“ der Frucht mit einer relativ hohen Traubenreife. Ihm persönlich sei der Jahrgang allerdings in der Tendenz ein wenig zu fett. Heute würde wohl, u.a. dem Zeitgeist geschuldet, leichtfüßiger und etwas trockener vinifiziert.

Wobei allgemein gesprochen der Anteil von Boytritis in den Großen Gewächsen nahezu überall auf ein Minimum reduziert oder gar ausgeschlossen werden konnte. Dies hat sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Qualität und die Entwicklung der Weine ausgeübt.

Wir tranken acht Weine, sechs aus dem Jahr 2004, fünf davon von deutschen Produzenten, einen von einem Weingut aus dem Elsass. Dazu kamen zum Vergleich zwei Weine aus 2005, einer deutsch der andere  französisch.

(c) Markus Budai

Flight 1: Peter Jakob Kühn – Oestrich Doosberg Riesling trocken 2004 vs. Trimbach – Riesling Cuvée Frédéric Emile 2004
Der Doosberg von Kühn war der einzige Wein der Probe, der seinen Zenit bereits deutlich überschritten hat. Die fahle dunkelgoldene Farbe deutete es schon an. In der Nase ebenfalls sehr weit. Kandierte, überreife Aprikose, viel Honig, Schwarztee, leicht apfelschalig sowie etwas Pumpernickel habe ich mir notiert. Am Gaumen sehr säurearm, flach und ohne den nötigen Druck am Gaumen. Erinnerte im Abgang etwas an Matetee.

Dagegen war das Cuvée Frédéric Emile von Trimbach, das aus den beiden Grand-Cru Lagen Geisberg und Osterberg gekeltert wird, schon eine ganz andere Nummer. Der Wein dreht hellgolden im Glas, zeigt aber noch sehr jugendliche, leicht grünliche Reflexe. Auch das Nasenbild präsentiert sich noch sehr jugendlich und leicht verschlossen. Ein wenig Mango, Zitronenzeste, Aloe Vera und eine Plastiktüte. Alles sehr fein und zurückgezogen. Braucht noch etwas um seine volle Größe zeigen zu können. Am Gaumen hingegen ging ordentlich die Post ab. 

Eine nach dem Doosberg geradezu erfrischende Säure, Zug und Spannung sind ebenfalls da. Sehr straight und ohne viel Verschnörkelungen. Eine schöne salzige Note schwingt nach dem Schlucken nach. Sehr gut und mit, wie oben schon erwähnt, noch deutlich Potential für lockere zehn Jahre.  (91+)

Flight 2: Emrich Schönleber – Riesling Halenberg „Lay“  GG Verst. 2004 vs. Dönnhoff – Hermannshöhle GG Riesling 2004

Dann folgte das Duell der Nahe Traditionalisten. Beiden Betrieben kann man eine hohe Verlässlichkeit attestieren, wenn wir von qualitativ hochwertig gemachtem Wein reden. Sie gehören schon seit Jahren zur absoluten Spitze, wenn es um deutschen Riesling geht.

Emrich Schönleber präsentierte mit seinem Versteigerungswein „Lay“, der aus dem Hallenberg stammt, den für mich zweitbesten Wein des Abends. Im Glas präsentiert sich der Stoff in einem abgefahrenen Neongelb mit grünen Einschlüssen. In der Nase ein Mix aus Aprikose und gelber Steinfrucht, die an Mirabelle erinnert. Dazu gesellt sich eine rauchige Note sowie eine ganz, ganz leichte Petrol Note, die aber nicht störend wirkt. 

Mit mehr Zeit im Glas wird es immer komplexer und „dunkler“. Am Gaumen zeigt der Wein eine hohe Konzentration und eine unglaubliche Tiefe bei einem mittleren Körper. Ich finde wieder Steinobst und eine starke salzige Komponente. Das Finish fällt lang aus. Ein sehr expressiver Wein, der für mich an seinem Höhepunkt angekommen ist. Er wird wohl nicht mehr besser werden. Wer ihn noch im Keller hat, für den ist jetzt ist der perfekte Zeitpunkt zum trinken. (94/95)

Dagegen hatte es die Hermannshöhle nicht leicht, vor allem weil sie sich bei weitem nicht so extrovertiert zeigte wie der Halenberg. Intensive hellgoldene Farbe.  Die Nase zeigt sich sehr zurückgenommen und schlank. Es scheint wenig Frucht durch, nur ganz leicht etwas Zitrone und frischer weißer Pfirsich. Hinzu kommt eine schöne karge, steinige Note. 

Am Gaumen ist der Wein viel schlanker und sehniger als der Schönleber, der mit deutlich mehr „Fleisch“ ausgestattet ist. Die Hermannshöhle tänzelt mehr, ist sehr elegant wie eine Prima Ballerina. Dabei ist alles sehr gut ineinander verwoben. 

Die einzelnen Details sind nicht sofort greifbar. Man muss sich auf den Wein einlassen und ihn genau erkunden. Dieser Stoff hat enormes Potential und ist bei weitem noch nicht am Höhepunkt seiner Schaffensphase angekommen. Er braucht Zeit und Aufmerksamkeit, um seine Stärken ausspielen zu können. (93+)

Flight 3: Keller – Hubacker GG 2004 vs. Wittmann – Westhofener Morstein GG 2004

Dann der Schwenk in Richtung Rheinhessen. Mit Keller und Wittmann hatten wir zwei Protagonisten am Start, die mit ihren Weinen auch international schon einiges an Aufmerksamkeit einheimsen konnten. Vor allem die Weine von Klaus-Peter Keller sind sehr gefragt und stehen preislich am oberen Ende, wenn wir von Großen Gewächsen reden. Bisher konnten mich die Weine von K.P. Keller noch nicht wirklich überzeugen. Was ich bisher getrunken habe, war mir oft zu mastig und zu süß. 

Umso gespannter war ich auf den Hubacker. Der stilistische Unterschied zur Nahe ist frappierend. Die Weine aus Rheinhessen haben deutlich breitere Schultern und wirken in ihrem ganzen Auftreten deutlich massiger als die Kollegen von Schönleber und Dönnhoff.

Kellers Wein wirkt schon in der Farbe noch relativ jung. Mit einem intensiven Hellgold inklusiver leicht grünlicher Reflexe dreht er im Glas seine Runde. Die Nase zeigt unreifen Pfirsich, gelbe Steinfrucht, etwas Grapefruit sowie Plastik unterlegt mit einer schönen Rauchigkeit, die ich so bei noch keinem Keller Wein finden konnte. 

Am Gaumen ist der Wein sehr ausfüllend und mit Abstand der mit den breitesten Schultern in der gesamten Verkostung. Unglaubliche Saftigkeit, gepaart mit einer schönen Salznote und ordentlich Zug am Mittelgaumen, charakterisieren diesen Hubacker. Er hat von allen Weinen im gesamten Tasting die mit Abstand am deutlichsten hervortretende Phenolik. Die Säure hält alles in einer wirklich schönen Balance. Was ich sonst immer als zu mastig und zu dick wirkend kritisiert habe, macht sie hier wett. Ein Top-Wein, den ich noch mit deutlichem Potential für weitere 10-15 Jahre sehe. Sollte noch besser werden. Den Stil, den ich persönlich bevorzuge, finde ich in diesem Stoff zwar weniger, dies soll der qualitativen Hochwertigkeit dieses Produkts aber keinen Abbruch tun. (93+)

Und dann kam er, der Wein, auf den ich ehrlich gesagt am meisten gespannt war. Von dem viele sagen, dieser Jahrgang sei es gewesen, der Wittmann so richtig an die Spitze katapultiert hat. Der Westhofener Morstein . Ich glaube, man kann hier bereits von einer Art „Legende“ sprechen.

Er liegt mit einer etwas dunkleren (wie der Hubacker), trotzdem noch recht hellen und sehr klaren Farbe im Glas. Das Nasenbild zeigt sich für mich wunderschön rund und harmonisch gereift. Nussige Töne wie Mandel treffen auf Vanille, Mirabelle, kalten Rauch und ganz wenig Tiroler Speck. Mit etwas mehr Zeit im Glas kommen noch vegetabile Noten hinzu. Eine sehr feine Nase. Am Gaumen ist der Wein nicht so kräftig und saftig wie der Hubacker. 

Der Morstein ist der „noblere“, geschmeidigere der beiden. Dagegen wirkt der Keller Wein fast ein wenig rustikal/bäuerlich. Er lebt  von seiner nahezu perfekten Balance zwischen Power und Zug am Gaumen, sehr gut eingebundener Säure und einer schwer greifbaren Eleganz, obwohl der Wein schon maskulin daher kommt. Im langen Finish fällt eine sehr schöne, leichte Bitternote auf, die das Bild des Morsteins abrundet. Für mich ein sehr kompletter Wein ohne wesentlichen Kritikpunkt. Ich denke nicht, dass er zukünftig noch zulegen wird. In den nächsten Jahrgen trinken lautet die Devise. (94)

Flight 4: Zind Humbrecht – Clos Windsbuhl 2005 vs. Georg Breuer – Berg Schlossberg GG 2005

Dann waren wir durch mit den 2004ern. Es folgten zwei Weine aus dem Jahrgang 2005 zum Abschluss. Zunächst der Clos Windsbuhl aus dem Elsass vom Produzenten Zind Humbrecht. Ein Wein, der schon sehr weit in seiner Entwicklung ist. Schon die Farbe geht eher in die dunkelgoldene Richtung. In der Nase dominieren Aromen von Tabak, kandierte Aprikose, Toast, Honig und eine leicht oxidative Note.

Am Gaumen ist der Wein sehr opulent. Die niedrige Säure verschlimmert diesen Eindruck für meine Begriffe nur noch zusätzlich. Solo ist mir dieser Wein eindeutig zu dick. Maximal ein Glas kann ich davon einfach so trinken. Später, zum Käse, machte er eine bessere Figur. Trotzdem, nicht mein Wein. (90)

Bekanntlich kommt das Beste ganz zum Schluss und im Falle des Berg Schlossberg vom Weingut Georg Breuer trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Der beste Riesling den ich in meinem bisherigen „Trinkerleben“ probieren durfte.

Immer noch sehr jugendliche, intensive, satte Farbe, die ich als leicht neongelb bezeichnen würde. 

Die Nase ist einfach nur der Abschuss. Müsste ich nur sie bewerten, wäre ich hier bei 98/99 Punkten. Unfassbare Komplexität, dabei aber so leicht und tänzelnd. Zunächst sehr fruchtig, exotisch mit Aromen von Mango, Papaya und etwas Maracuja. Dann wechselt das Nasenbild zunehmend in Richtung Kräuterbusch mit Melisse, Rosmarin und etwas weißem Pfeffer. Dazu gesellen sich frisch aufgeschnittener weißer Pfirsich und eine Komponente, die an KiBa (Kirsch-Bananensaft) erinnert. Alles ist sehr geheimnisvoll und verführerisch und kommt so rüber, als ob der Wein noch nicht alles von sich preisgeben will. Dieser ständige Wechsel und immer neue Aromen machen die Nase für mich nahezu perfekt. 


Am Gaumen kann der Wein dann nicht ganz das Bild der Nase halten. Ein Stoff mit mittlerem bis vollem Körper. Säure ist da, es fehlt mir persönlich aber etwas die Lebendigkeit, um den Wein ganz oben zu positionieren. Zug und Spannung verbinden sich mit einer schönen Rauchigkeit. Hinten raus im langen Finish fehlt vielleicht ein wenig der letzte Biss und Nachdruck. Aber das ist meckern auf ganz hohem Niveau.


Ein fast perfekter Riesling, großes Kino und der Gewinner dieser Verkostung. Wird sich meiner Meinung nach auf diesem Niveau noch ein Weilchen halten, wird aber nicht mehr besser. (96)

Eine wunderbare Probe, die zeigt, dass der 2004er Jahrgang in der absoluten Spitze in jedem Fall Weine mit extrem hohen Niveau hervorgebracht hat, die sich auch nach 10 Jahren Flaschenreife keineswegs müde (bis auf einen) präsentieren.

Wen die Einschätzungen meiner Mitverkoster interessiert, der sollte sich die Berichte von Markus Budai und Christoph Strauss nicht entgehen lassen. 


Kommentare

  1. Ich hab mir letztens einen Westhofener Morstein vom Jahrgang 2013 bestellt (http://www.der-weinmakler.de/weine/14-Weiss/Wittmann-Riesling-Morstein-Grosses-Gewaechs,4773-detail-1369.php) und bin ja mal gespannt, wie der mit den schwierigen Verhältnissen in diesem Jahr zurechtkommt...
    Nachdem der 2004er wirklich als Legende bezeichnet werden kann, will ich keinen Morstein mehr verpassen, bezweifle aber dass der 2013er damit mithalten kann ☺ Aber so ist das eben, das Weintrinken wäre ja auch nur halb so spannend, wenn jeder Wein eine Legende wäre...

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