HebeBühne - der Theater Blog - Michael Jetters Ode an die "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek


von Michael Jetter / Inszenierung Thalia Theater Hamburg 
Ich muss es gleich am Anfang sagen, dieser (Theater) Abend ist ein sehr wichtiger Abend, ein berührender Abend und auch ein unglaublich hilfloser Abend auf einer der profiliertesten Bühnen im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Anbetracht der existentiell bedrohlichen Situation der auftretenden Flüchtlinge aus der Hamburger St. Pauli Kirche. 

"Die Schutzbefohlenen" ist ein grandioser Text von Elfriede Jelinek. Er bezieht sich ursächlich auf die Besetzung der Wiener Votiv Kirche durch 60 Asylbewerber Ende 2012, die damit - im nachhinein erfolglos - auf Ihre Situation in Österreich aufmerksam machen wollten. Aktuell erzählt Jelinek von den rund 80 sogenannten Lampedusa Flüchtlingen, die seit Juni 2014 in der kleinen St. Pauli Kirche in Hamburg leben. Als in Lybien zu Zeiten des Diktators Muammar al-Gaddafi die Revolution ausbrach, verließen sie überstürzt das Land, landeten in Lampedusa und anschließend auf dem italienischen Festland. 

In der Hoffnung auf ein lebenswertes und vor allem sicheres Leben kamen sie nach Deutschland. Als die Rückführung nach Italien drohte, fanden sie Schutz in der St. Pauli Kirche bei Pastor Sieghard Wilm und seinen Mitstreitern. Der Jelineksche Text ist sperrig, manchmal tief traurig, dann wieder explosiv und aggressiv, zwischendurch absurd humorvoll und unendlich emphatisch. Er ist eine gnadenlose Bestandsaufnahme der nicht existenten Kommunikation und Wahrnehmung zwischen Wohlstandsbürgern und den Flüchtlingen dieser Welt. Nur am Rande bemerkt, ich hatte bisher überhaupt keinen Zugang zu Elfriede Jelinek, aber die Sprachgewalt in "Die Schutzbefohlenen" und die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens haben mich mehr als überzeugt. 

Große Teile des Textes werden von den drei festen Ensemble-Mitgliedern Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch gesprochen. Das irritiert, sind doch die betroffenen Flüchtlinge auf der Bühne präsent. Aber die Sätze, Anklagen, Absurditäten und Aufschreie sind eben auch sehr fordernd formuliert, sie sind kompliziert und voluminös, so dass es wohl keine andere Lösung gab. Es ist auch offensichtlich, dass Scheitern und Versagen zu dem gesamten Theaterprojekt gehören, wie kann es auf der Bühne anders sein als in der kalten Realität. 

"Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der heiligen Heimat. Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon. Wir flohen, von keinem Gericht des Volkes verurteilt, von allen verurteilt dort und hier. Das Wißbare aus unserem Leben ist vergangen, es ist unter einer Schicht von Erscheinungen erstickt worden, nichts ist Gegenstand des Wissens mehr, es ist gar nichts mehr. Es ist auch nicht mehr nötig, etwas in Begriff zu nehmen. Wir versuchen, fremde Gesetze zu lesen. Man sagt uns nichts, wir erfahren nichts, wir werden bestellt und nicht abgeholt, wir müssen erscheinen, wir müssen hier erscheinen und dann dort, doch welches Land wohl, liebreicher als dieses, und ein solches kennen wir nicht, welches Land können betreten wir? Keins. Betreten stehn wir herum. Wir werden wieder weggeschickt. Wir legen uns auf den kalten Kirchenboden. Wir stehen wieder auf. Wir essen nichts. Wir müssen doch wieder essen, wenigstens trinken". Auszug "Die Schutzbefohlenen".

Unter www.elfriedejelinek.com finden Sie den gesamten Text. 

Im zweiten Teil der Inszenierung kommen, man möchte sagen endlich, die schauspielernden Flüchtlinge zum Zug und berichten von Ihren grausamen Erfahrungen auf der Flucht, ihren Sehnsüchten und Hoffnungen. Genau an diesem Punkt wird es ein berührender, ein wachmachender und auch ein anklagender Abend, der keinen Besucher kalt lassen kann, geschweige denn gleichgültig, es sein denn man ist AFD Wähler. Als dann auch noch Videosequenzen mit Original Statements Pöseldorfer Bürger eingespielt werden, die in typisch hochnäsiger, hanseatischer Bräsigkeit sich darüber auslassen, warum man die Flüchtlinge nicht in Ihrem Stadtteil unterbringen darf, steigt die nackte Wut auf. 

"Ja, die sind hier eigentlich insofern nicht so gut aufgehoben, weil die sich gar nicht wohlfühlen werden. Wo sollen die denn einkaufen?“, stammelt Felix Knopp. Und Daniel Lommatzsch setzt in schönstem Schnösel-Sprech hinzu: "Kaffee kostet hier 7,50 Euro, ein Armani-Anzug tausend Euro. Die haben ja gar nicht das Geld, um hier in den Geschäften einzukaufen, nicht? Also, geh ich mal von aus!“ 

Es geht in diesem Stück von Elfriede Jelinek um die Situation der Flüchtlinge unserer Zeit, um die Trutzburg Europa, die wir mit Zähnen und Klauen verteidigen, Stichwort Frontex, aber angesichts dieser eingespielten Statements geht es auch, und kann nicht anders sein, um unsere grundsätzlichen Werte, um die Idee Europa und darum, jeden einzelnen Menschen bewußt wahr zu nehmen, und keinen Einzelnen in Geißelhaft für seinen politischen Status zu nehmen. Bei meiner Recherche über die aktuelle Thalia Inszenierung, stieß ich dann noch auf den Türsteher Horst Kriegel. Dieser hatte aus den Medien erfahren, dass rechte Burschenschaftler die St. Pauli Kirche ausgekundschaftet hatten. 

Die Vorstellung, dass sie die Flüchtlinge bedrohen könnten, führte ihn direkt zu Pastor Wilm. Bis heute übernimmt er fast jede Nachtschicht zum Schutz der Flüchtlinge, die beschämenderweise in der Kirche leben müssen. Horst Kriegel ist für mich ein Vorbild. 

"Genau. Und das hat für mich mit Politik überhaupt nichts zu tun, das ist eine Sache von Zivilcourage. Solange ich hier bin, wird es garantiert kein zweites Mölln geben. Davor habe ich nämlich am meisten Angst. Als ich das damals gesehen habe, habe ich mir auch gesagt: Hätten wir da mal was getan. Ich stehe schon darauf, nicht im Nachhinein hinterher zu jammern, sondern im Vorhinein etwas zu tun". Zitat Horst Kriegel. 

Während der anschließenden Podiumsdiskussion, habe ich mir ein Bild von Pastor Wilm machen können. Seine Arbeit und die seines Kollegen Pauleken, beeindrucken mich sehr. Selten ist mir ein Mensch begegnet, der sich mit einer solchen Zivilcourage und Engagement seiner Schützlinge annimmt, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und sich jeder Diskussion stellt. Im Gegensatz zum geladenen Innensenator Michael Neumann, der sich an diesem Abend entschuldigen ließ, ein Sozialdemokrat, das sei aber nur am Rande bemerkt. 

Zum Schluss ist es mir ein Anliegen, den geneigten Leser auf das Spendenkonto der St. Pauli Kirche aufmerksam zu machen. Die Hebebühne wird das Engagement der Pastoren und ihrem Team für Humanität und aktive Menschlichkeit mit 200 Euro unterstützen. Sollten Sie sich auch zu einer Spende entschließen, würde das den hochgeschätzten Herausgeber Direttore Breitenfeld und mich selbstredend sehr freuen. Jeder Euro ist hier sinnvoll investiert, vertrauen Sie uns bitte an dieser Stelle.  

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Stichwort: Afrikaner


Kommentare

  1. Chapeau für deine Haltung, die aus diesem Text spricht, lieber Michael!Und danke für den Anstoß, einmal wieder Elfriede Jelinke zu lesen! :-)

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